Vom 21. Oktober bis 24. November 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Chemnitz in der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 zu sehen. In Kooperation mit dem Beruflichen Schulzentrum (BSZ) für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.
Die Ausstellung setzt einen wichtigen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Im Mittelpunkt der Station stehen zwei regionale Orte: das ehemalige Durchgangsheim auf dem Kaßberg sowie der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach. Die Ausstellung knüpft damit an lokale Geschichte an, erinnert an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder und lädt zum Austausch ein.
Ausstellungsdaten
Zeitraum: 21. Oktober – 24. November 2025
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 09:00 bis 16:00 Uhr; Sonderöffnungen an Samstagen: 08:11 und 22.11.2025, jeweils 09:00 bis 15:00 Uhr
Ausstellungsort: Berufliches Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz (Außenbereich vor dem Schulgelände)
Der Eintritt ist frei.
22.11. | Tag der offenen Tür
Am 22. November 2025 findet von 9:30 bis 13:00 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. An diesem Vormittag lässt sich der Besuch der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG mit einem Einblick in den Schulstandort und weitere Angebote vor Ort verbinden.
Geschichte
Das Durchgangsheim in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)
Entstehung und Funktion
Bereits 1951 existiert in Chemnitz ein Aufnahmeheim für Kinder von drei bis vierzehn Jahren. Im Jahr 1956 wird zudem ein Durchgangsheim auf dem Gelände eines Jugendwohnheims in der Bernsdorfer Straße erwähnt. Es hat etwa 17 Plätze für männliche Jugendliche, die in der Gärtnerei und Landwirtschaft der Einrichtung arbeiten.
Im Jahr 1962 erscheint das Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt dann mit der Anschrift Kaßbergstraße 32 und hat zunächst 45 Plätze. Es nimmt Minderjährige ab drei Jahren auf, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. In den Folgejahren reduziert sich die Platzanzahl: 1963 sind es 25 Plätze, und bis 1965 bleibt die Kapazität deutlich geringer als zu Beginn.
Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.
Aufnahmen, Verlegungen und Wartezeiten
1976 sind insgesamt 911 Aufnahmen verzeichnet, wobei die meisten Kinder nur wenige Tage in der Einrichtung bleiben. Von hier aus werden sie entweder in ihr Elternhaus (301), ihr vorheriges Heim (276) oder in ein anderes Heim (309) gebracht. Gleichzeitig müssen 99 Kinder auf einen Heimplatz warten – teilweise bis zu drei Monate oder länger. Damit verstößt die Praxis sogar gegen damalige Bestimmungen.
Alltag und Arbeit
Das Heim beschäftigt 14 pädagogische und neun technische Mitarbeitende. Dennoch erfolgt Schulunterricht jahrgangsüber-greifend und lediglich stundenweise, wodurch Lernrückstände entstehen. Freizeitangebote sind außerdem kaum vorhanden.
In der DDR ist Kinderarbeit bereits seit 1949 verboten, wird aber in den Spezialheimen der Jugendhilfe dennoch praktiziert. Die Disziplinierung durch Arbeit spielt als Methode eine zentrale Rolle. Ein Betroffener, der im Alter von 13 Jahren in das Durchgangs-heim Karl-Marx-Stadt eingewiesen wurde, erinnert sich an einen großen Werkraum. Dort musste er gemeinsam mit anderen Kindern etwa sechs Stunden täglich Kleinteile für die Motoren- und Automobilindustrie montieren. Diese Arbeit eignete sich besonders gut für Kinderhände. Es habe sich dabei um Normarbeit gehandelt. Die Norm durfte nicht unterschritten werden.
Wie alle Durchgangsheime verfügt auch das Durchgangsheim über eine Isolierzelle. Eine Betroffene, die 1969 dort war, erinnert sich an einen sehr kleinen, fensterlosen Raum, der nur mit einem Bett, einem Waschbecken und einem Eimer für die Notdurft ausgestattet war. Die Tür hatte demnach einen Spion. Das Essen wurde wie im Gefängnis durch eine Klappe gereicht.
Schließung
Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.
Das Mädchenheim in Klaffenbach (1947-1948)
Gründung und Ziele
Im Jahr 1947 wird im Wasserschloss Klaffenbach (Neukirchen) bei Chemnitz ein Mädchenheim eröffnet. Das Heim dient zunächst dem Zweck, „die Mädel – vor allem während der Zeit der Sicherungskuren zur Verhütung der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten – aus dem übrigen Volksleben auszuschließen und sie während dieser Zeit an ein regelmäßiges Arbeitsleben zu gewöhnen.“ [Quelle]
Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940, S.5.
In der Nachkriegszeit sind Geschlechtskrankheiten und ihre Eindämmung ein Politikum. Die Verbreitung der Krankheiten wird vor allem alleinstehenden Frauen und weiblichen Personen ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz zugeschrieben.
Alltag und Arbeit
Im Mädchenheim Klaffenbach sind in dieser Zeit Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis über 21 Jahren untergebracht (zehn über 18 Jahre und zehn unter 18 Jahre). Ihnen werden vor allem Attribute wie „ sittlich gefährdet“, oder „arbeitsscheu“ zugeschrieben.
In dieser Zeit hat das Heim den Charakter eines Arbeitshauses. Die Mädchen und Frauen verrichten körperlich schwere Arbeit in der Landwirtschaft und bewirtschaften die Gebäude der Anlage. Im Vordergrund steht ihre Arbeitsleistung. Für ihre Arbeit erhalten sie nicht einmal ein Taschengeld. Die Erträge fließen in den Erhalt der Einrichtung.
Die damals verantwortliche Erzieherin im Heim kritisiert die einseitige Ausrichtung und den Charakter der Einrichtung als Arbeitshaus. Sie setzt sich dafür ein, die körperlich schwere Arbeit um Schulunterricht und gemeinsame Freizeitangebote zu erweitern. Für die Umsetzung ihrer Ansätze fehlt es im Heimalltag jedoch an allem – vor allem an Personal: Eine einzige Erzieherin muss sich werktags und an den Wochenenden rund um die Uhr um alle Abläufe im Heim kümmern. Angesichts eklatanter Mängel im Heim reicht die Erzieherin noch im selben Jahr die Kündigung ein. Keine zwei Jahre später erhält das Mädchenheim den Status eines Jugendwerkhofs. [Quelle] Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940.
Der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach (1949 bis 1990)
„Das war ein Wasserschloss mit erheblichen baulichen Mängeln, die Fenster waren vergittert, die Türen wurden verschlossen, es gab Arrestzellen. Es herrschte harter Drill, viel Gewalt, gab harte Strafen, alles wurde im Kollektiv gemacht. Ich machte hier den Teilfacharbeiter in einem Metallberuf bei einer Firma außerhalb. Ich bekam dafür eine kleine Summe auf dem Sparbuch bei der Entlassung.“
Gründung (ab 1949)
Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 erhält das vormalige Mädchenheim im Wasserschloss Klaffenbach den Status eines landwirtschaftlichen Jugendwerkhofs. Zur Einrichtung gehört eine etwa 100 Hektar große landwirtschaftliche Nutzfläche. 1951 verfügt der Jugendwerkhof über 50 Plätze für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die in Haus- und Landwirtschaft arbeiten. Die körperliche Arbeit beginnt früh, ist schwer und prägt den Tagesablauf. Ausstattung und Verpflegung bleiben karg bzw. unterhalb der Norm; 1957 zählt Klaffenbach zu den Jugendwerkhöfen mit den meisten registrierten Fluchten.
Schule, Heimordnung und ideologische Rahmung
Organisatorisch ist der Jugendwerkhof klar hierarchisch aufgestellt: Neben dem Heimleiter arbeiten 1951 vier Erzieherinnen und ein Erzieher, dazu kommen Angestellte für Hauswirtschaft und landwirtschaftlichen Betrieb. Die ärztliche Betreuung erfolgt außerhalb der Einrichtung. Auf dem Gelände befindet sich eine eigene Schule, doch die Mädchen bringen häufig Lernrückstände mit. Der Unterricht orientiert sich vor allem an der Vorbereitung auf landwirtschaftliche Arbeit: Eine Lehrkraft unterrichtet zwei Gruppen wöchentlich jeweils zwölf Stunden nach dem Lehrplan der landwirtschaftlichen Berufsschule. Wie in allen Jugendwerkhöfen können die Mädchen lediglich eine Teilfacharbeiterinnenqualifikation erreichen – mit deutlich eingeschränkten späteren Berufs- und Lebenswegen.
Der Alltag ist durch eine strenge Heimordnung geprägt. Die Mädchen sind in sieben Zimmergruppen eingeteilt; Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit gelten als zentrale Maßstäbe. Neben der täglichen Arbeit fallen regelmäßig Reinigungs-, Näh- und Reparaturarbeiten an. Freizeit ist nur in organisierter Form vorgesehen (z. B. Chor, Laienspiel, Sport). Gleichzeitig ist das kulturelle Angebot am Parteiprogramm ausgerichtet: Es bestehen u. a. eine SED-Betriebsgruppe, FDJ-Betriebsgruppe, DSF-Betriebsgruppe und Gewerkschaftsgruppe. An örtlichen Veranstaltungen nehmen diese Gruppen teil – die Mädchen aus dem Jugendwerkhof werden dabei jedoch ausgegrenzt und als „Erziehungsfälle“ von „einwandfreien Jugendlichen“ abgegrenzt.
Spätphase und Auflösung 1990
Der Jugendwerkhof Klaffenbach erweitert im Laufe der Jahre beständig seine Kapazitäten. 1956 gibt es 66 Plätze, 1978 bereits 120 – nach wie vor ausschließlich für Mädchen. Im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft werden die Mädchen allerdings weniger in der Feldarbeit und zunehmend als Arbeitskräfte in umliegenden Betrieben gebraucht. Sie arbeiten in der Geflügelzucht, der Speisefettherstellung, Elektromontage oder Zerspanung in Neukirchen, Karl-Marx-Stadt oder Brand-Erbisdorf. Die Beschulung findet eher behelfsmäßig im Jugendwerkhof statt. Ausgebildetes Lehrpersonal ist schwer zu finden. Stellen bleiben unbesetzt. Die Spezialheime haben keinen guten Ruf. Die abgeschiedene Lage und die langen Schichten machen die Heime als Arbeitsort unattraktiv.
In einer Eingabe aus dem Jahr 1973 wird von Klagen einiger Mädchen über die Zustände im Jugendwerkhof berichtet. Sie beschweren sich über Schläge und körperliche Misshandlungen durch das Erzieherpersonal, Gewalt untereinander sowie Arreststrafen in einer kalten Zelle. Der Ausgang der Beschwerde ist nicht bekannt. [Quelle]
Vor dem Mauerfall werden deutlich weniger Jugendliche in den Jugendwerkhof Klaffenbach eingewiesen Im März 1990 wird der Jugendwerkhof schließlich aufgelöst. Zum Zeitpunkt der Schließung des Jugendwerkhofes befindet sich das Schloss in einem desolaten Bauzustand. Private Schmalfilmaufnahmen aus dem Filmarchiv Chemnitz von 1994 vermitteln einen Eindruck davon.
Es wird aufwändig saniert und ist seit 1995 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. [Archiv]Bundesarchiv Berlin, Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz, Stadtarchiv Chemnitz, Filmarchiv Chemnitz [Literatur]Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 182f.