Zeitzeugen gesucht

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Zeitzeugen gesucht

Station: Erfurt

Vom 30. April bis zum 13. Juni 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Erfurt in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit DENKOrte, dem Gesprächskreis Betroffene der DDR-Heimerziehung, der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße sowie dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte Matthias Domaschk.

 

In der thüringischen Landeshauptstadt erinnerte die Ausstellung zudem an das 1963 eingerichtete Durchgangsheim Erfurt in der Winzergasse 21.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 30. April – 13. Juni 2024

Öffnungszeiten:
Dienstag: 12 bis 20 Uhr
Mittwoch: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 12 bis 20 Uhr
Freitag: 10 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr

Ausstellungsort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Der Eintritt ist frei.

13.06. | 18 Uhr Finissage | Buch im Kubus: Manfred May »edition H«

Ort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Zur  feierlichen Abschlussveranstaltung am 13. Juni 2024 um 18 Uhr las Manfred May aus seiner Publikationsreihe „edition H“, die Selbstzeugnisse und Quellen zur repressiven DDR-Heimerziehung versammelt.

 

Manfred May war viele Jahre Ansprechpartner für ehemalige DDR-Heimkinder in Thüringen. May ist Künstler, seine Ausstellungen 2014 und 2018 in der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße waren inspiriert von sehr persönlichen Gaben Betroffener und bedrückenden Funden in Archiven.

 

Vor der Lesung wird der Dokumentarfilm »Verlorene Zeit« des Jenaer Filmemachers Torsten Eckold und der Historikerin Stefanie Falkenberg über das Durchgangsheim Schmiedefeld gezeigt.

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 

Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 
HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim. 

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

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