Vom 24. April bis 9. Mai 2025 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG erstmals in Gera zu sehen. Nach dem Kinder- und Jugend-hilfetag in Leipzig kehrte die Wanderausstellung ab dem 19. Mai in die Stadt zurück und stand bis zum 24. Juni 2025 vor dem Theater Altenburg Gera. Als mobiles Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau klärte die Ausstellung über die Geschichte des repressiven DDR-Heimsystems auf und erinnerte an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder.
In Gera thematisierte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG außerdem die Geschichte des Jugendwohn- und Durchgangsheims „Ernst Thälmann“, das zunächst in der Greizer Straße 23 bestand und 1961 in die Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße) verlegt wurde.
Ausstellungsdaten
Zeitraum: 24. April – 9. Mai 2025 | 19. Mai – 24. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10–18 Uhr | Samstag, 10–17 Uhr
Ausstellungsort: Theaterplatz 1, 07548 Gera (vor dem Theater Altenburg Gera)
Der Eintritt ist frei.
24.04. | 13 Uhr Ausstellungseröffnung
Die Ausstellungseröffnung fand am Donnerstag, 24. April 2025, um 13 Uhr auf dem Theaterplatz in Gera statt. Im Anschluss führte ein Zeitzeuge des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau durch die Ausstellung.
Programm
- Begrüßung: Frank Karbstein, Vorstandsvorsitzender Gedenkstätte Amthordurchgang e. V.
- Grußwort: Felix Eckerle, Amtsleiter Kulturamt Gera
- Grußwort: Dr. Sophie Oldenstein, Chefdramaturgin Theater Altenburg Gera
- Vorstellung der Ausstellung und Rundgang mit Zeitzeuge
04.06. | 18 Uhr Film und Podiumsgespräch „Verlorene Zeit“
Am Mittwoch, 4. Juni 2025, um 18 Uhr fand im Chorsaal des Theaters Altenburg Gera eine begleitende Abendveranstaltung statt. Unter dem Titel „Verlorene Zeit. Mit der Heimerziehung war meine Kindheit zu Ende“ wurde zunächst ein 15-minütiger Film gezeigt. Er beleuchtet repressive Bedingungen der DDR-Heimerziehung und die Erfahrungen einer Frau, die als Jugendliche im Durchgangsheim Schmiedefeld Isolation und Gewalt erlebte.
Anschließend folgte ein Gespräch mit Expert:innen, die seit Jahren mit Betroffenen arbeiten. Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung in Thüringen. Die Veranstaltung richtete sich ausdrücklich auch an Betroffene, die besonders herzlich eingeladen waren.
Geschichte
Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst Thälmann“ in Gera
„Als ich 1978 ins kleine Durchgangsheim in Gera kam, war auch dies geschlossen, ein sehr kleines Gebäude. Alle Kinder waren dort in zwei Räumen untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung durch Sehschlitze in der Tür. Es gab kein Tageslicht, nur Glasbausteine und da waren auch zwei Arrestzellen.“
Anfänge und Standortwechsel
1949 wird das Durchgangsheim Gera in einem alten Patrizierhaus in der Greizer Straße 23 eröffnet. Zuvor war das Haus ein Waisenhaus.
In den 1950er Jahren werden aufgegriffene Kinder und Jugendliche aus den Kreisen Jena, Stadtroda, Rudolstadt und Eisenberg in das Durchgangsheim gebracht, wenn die Behörden eine Gefährdung vermuten. In einigen Dokumenten wird das Heim als „Auffanglager Greizerstraße“ oder „Durchgangslager Gera“ bezeichnet.
Der Zustand der Einrichtung ist zu dieser Zeit desolat: defekte Türen und Fenster, unhygienische Waschräume, Überbelegung; all diese Mängel sollen behoben werden. Trotz der hohen Auslastung ist in einem Teil des Gebäudes ein Lehrlingswohnheim geplant.
1953 investiert der Bezirk im Rahmen einer „Schandfleckaktion“ 20.000 DM in die Sanierung. Im Heim wird ein neuer „Kulturraum“ geschaffen. Zusätzliche Möbel, Gardinen und Tischdecken werden angeschafft, um die Räume wohnlicher zu gestalten. Einige Arbeiten übernehmen die Jugendwerkhöfe (JWH) im Bezirk: Jugendliche aus dem JWH Bad Köstritz führen Maurerarbeiten aus, Bad Klosterlausnitz übernimmt Zimmererarbeiten, Hummelshain liefert neue Möbel.
Dennoch bleibt die Wohnsituation problematisch. Deshalb verlegt man das Heim 1961 in das Gebäude einer ehemaligen Fabrikantenvilla in der Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße). Die Villa nutzt man zweigeteilt: Im Haupthaus betreut man „Waisen und pädagogisch vernachlässigte“ Jugendliche, während sich im Seitenflügel und in der Remise vermutlich das Durchgangsheim befindet. Dort sind die Fenster vergittert, und die Räume bleiben beengt. Auch organisatorisch trennt man beide Bereiche deutlich. In der Küche kocht man beispielsweise zweimal täglich – einmal für die Jugendlichen des Wohnheims und einmal für die Jugendlichen des Durchgangsheims.
Kapazitäten und Belegung
Durchgängige Belegungszahlen sind nicht überliefert. Mitte der 1960er Jahre hat das Durchgangsheim jedoch etwa 30 Plätze, während im Jugendwohnheim dauerhaft über 70 Jugendliche leben, teilweise in großen Schlafsälen. Für die 1970er Jahre nennt man insgesamt 112 Plätze (80 im Jugendwohnheim, 32 im Durchgangsheim). Jährlich durchlaufen 700 bis 800 Jugendliche die Einrichtung.
Nutzung nach 1990
Auch nach 1990 nutzt man die Villa weiter als Heimeinrichtung. Allerdings reduziert man die Belegung deutlich, und man entfernt Fenstergitter im Nebenhaus. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten leben 1998 nur noch 28 Jugendliche in der Einrichtung. Träger des heutigen Jugendwohnheims in der Berliner Straße 138 ist der Internationale Bund (IB).