Zeitzeugen gesucht

Werden Sie Teil von Blackbox Heimerziehung und teilen Sie Ihre Geschichte

Zeitzeugen gesucht

Vom 21. Oktober bis 24. November 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Chemnitz in der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 zu sehen. In Kooperation mit dem Beruflichen Schulzentrum (BSZ) für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.

 

Die Ausstellung setzt einen wichtigen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Im Mittelpunkt der Station stehen zwei regionale Orte: das ehemalige Durchgangsheim auf dem Kaßberg sowie der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach. Die Ausstellung knüpft damit an lokale Geschichte an, erinnert an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder und lädt zum Austausch ein.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 21. Oktober – 24. November 2025
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 09:00 bis 16:00 Uhr; Sonderöffnungen an Samstagen: 08:11 und 22.11.2025, jeweils 09:00 bis 15:00 Uhr

Ausstellungsort: Berufliches Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz (Außenbereich vor dem Schulgelände)

 

Der Eintritt ist frei.

22.11. | Tag der offenen Tür

Am 22. November 2025 findet von 9:30 bis 13:00 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. An diesem Vormittag lässt sich der Besuch der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG mit einem Einblick in den Schulstandort und weitere Angebote vor Ort verbinden.

Geschichte

Das Durchgangsheim in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)       

Entstehung und Funktion 

 Bereits 1951 existiert in Chemnitz ein Aufnahmeheim für Kinder von drei bis vierzehn Jahren. Im Jahr 1956 wird zudem ein Durchgangsheim auf dem Gelände eines Jugendwohnheims in der Bernsdorfer Straße erwähnt. Es hat etwa 17 Plätze für männliche Jugendliche, die in der Gärtnerei und Landwirtschaft der Einrichtung arbeiten.

 

Im Jahr 1962 erscheint das Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt dann mit der Anschrift Kaßbergstraße 32 und hat zunächst 45 Plätze. Es nimmt Minderjährige ab drei Jahren auf, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. In den Folgejahren reduziert sich die Platzanzahl: 1963 sind es 25 Plätze, und bis 1965 bleibt die Kapazität deutlich geringer als zu Beginn.

 

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.

 Aufnahmen, Verlegungen und Wartezeiten

 1976 sind insgesamt 911 Aufnahmen verzeichnet, wobei die meisten Kinder nur wenige Tage in der Einrichtung bleiben. Von hier aus werden sie entweder in ihr Elternhaus (301), ihr vorheriges Heim (276) oder in ein anderes Heim (309) gebracht. Gleichzeitig müssen 99 Kinder auf einen Heimplatz warten – teilweise bis zu drei Monate oder länger. Damit verstößt die Praxis sogar gegen damalige Bestimmungen.

Alltag und Arbeit 

Das Heim beschäftigt 14 pädagogische und neun technische Mitarbeitende. Dennoch erfolgt Schulunterricht jahrgangsüber-greifend und lediglich stundenweise, wodurch Lernrückstände entstehen. Freizeitangebote sind außerdem kaum vorhanden.

 

In der DDR ist Kinderarbeit bereits seit 1949 verboten, wird aber in den Spezialheimen der Jugendhilfe dennoch praktiziert. Die Disziplinierung durch Arbeit spielt als Methode eine zentrale Rolle. Ein Betroffener, der im Alter von 13 Jahren in das Durchgangs-heim Karl-Marx-Stadt eingewiesen wurde, erinnert sich an einen großen Werkraum. Dort musste er gemeinsam mit anderen Kindern etwa sechs Stunden täglich Kleinteile für die Motoren- und Automobilindustrie montieren. Diese Arbeit eignete sich besonders gut für Kinderhände. Es habe sich dabei um Normarbeit gehandelt. Die Norm durfte nicht unterschritten werden.

[Quelle]

 

Wie alle Durchgangsheime verfügt auch das Durchgangsheim über eine Isolierzelle. Eine Betroffene, die 1969 dort war, erinnert sich an einen sehr kleinen, fensterlosen Raum, der nur mit einem Bett, einem Waschbecken und einem Eimer für die Notdurft ausgestattet war. Die Tür hatte demnach einen Spion. Das Essen wurde wie im Gefängnis durch eine Klappe gereicht.

Schließung

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.

Vorschriftsmäßige Zelle in einem Durchgangsheim, 1987. Die Sicherheitsvorkehrungen lassen kaum an ein Kinderheim denken.
Auflösung der Bezirksdurchgangsheime. Schreiben und Anlage Minister für Volksbildung, Juni 1987. Angaben zum Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt.

Das Mädchenheim in Klaffenbach (1947-1948)

Gründung und Ziele 

Im Jahr 1947 wird im Wasserschloss Klaffenbach (Neukirchen) bei Chemnitz ein Mädchenheim eröffnet. Das Heim dient zunächst dem Zweck, „die Mädel – vor allem während der Zeit der Sicherungskuren zur Verhütung der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten – aus dem übrigen Volksleben auszuschließen und sie während dieser Zeit an ein regelmäßiges Arbeitsleben zu gewöhnen.“ [Quelle]

Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940, S.5.

In der Nachkriegszeit sind Geschlechtskrankheiten und ihre Eindämmung ein Politikum. Die Verbreitung der Krankheiten wird vor allem alleinstehenden Frauen und weiblichen Personen ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz zugeschrieben.

 

Alltag und Arbeit

Im Mädchenheim Klaffenbach sind in dieser Zeit Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis über 21 Jahren untergebracht (zehn über 18 Jahre und zehn unter 18 Jahre). Ihnen werden vor allem Attribute wie „ sittlich gefährdet“, oder „arbeitsscheu“ zugeschrieben.

 

In dieser Zeit hat das Heim den Charakter eines Arbeitshauses. Die Mädchen und Frauen verrichten körperlich schwere Arbeit in der Landwirtschaft und bewirtschaften die Gebäude der Anlage. Im Vordergrund steht ihre Arbeitsleistung. Für ihre Arbeit erhalten sie nicht einmal ein Taschengeld. Die Erträge fließen in den Erhalt der Einrichtung.

Die damals verantwortliche Erzieherin im Heim kritisiert die einseitige Ausrichtung und den Charakter der Einrichtung als Arbeitshaus. Sie setzt sich dafür ein, die körperlich schwere Arbeit um Schulunterricht und gemeinsame Freizeitangebote zu erweitern. Für die Umsetzung ihrer Ansätze fehlt es im Heimalltag jedoch an allem – vor allem an Personal: Eine einzige Erzieherin muss sich werktags und an den Wochenenden rund um die Uhr um alle Abläufe im Heim kümmern. Angesichts eklatanter Mängel im Heim reicht die Erzieherin noch im selben Jahr die Kündigung ein. Keine zwei Jahre später erhält das Mädchenheim den Status eines Jugendwerkhofs. [Quelle] Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940.

Der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach (1949 bis 1990)

Das war ein Wasserschloss mit erheblichen baulichen Mängeln, die Fenster waren vergittert, die Türen wurden verschlossen, es gab Arrestzellen. Es herrschte harter Drill, viel Gewalt, gab harte Strafen, alles wurde im Kollektiv gemacht. Ich machte hier den Teilfacharbeiter in einem Metallberuf bei einer Firma außerhalb. Ich bekam dafür eine kleine Summe auf dem Sparbuch bei der Entlassung.“

[Quelle] O-Ton Betroffene, Jugendwerkhof Klaffenbach von 1981-1983. Zitiert nach: Sack, Martin; Ebbinghaus, Ruth: Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung? In: Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Expertisen. Hrsg.: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Berlin März 2012, S. 334.

Gründung (ab 1949)

Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 erhält das vormalige Mädchenheim im Wasserschloss Klaffenbach den Status eines landwirtschaftlichen Jugendwerkhofs. Zur Einrichtung gehört eine etwa 100 Hektar große landwirtschaftliche Nutzfläche. 1951 verfügt der Jugendwerkhof über 50 Plätze für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die in Haus- und Landwirtschaft arbeiten. Die körperliche Arbeit beginnt früh, ist schwer und prägt den Tagesablauf. Ausstattung und Verpflegung bleiben karg bzw. unterhalb der Norm; 1957 zählt Klaffenbach zu den Jugendwerkhöfen mit den meisten registrierten Fluchten.

Schule, Heimordnung und ideologische Rahmung

Organisatorisch ist der Jugendwerkhof klar hierarchisch aufgestellt: Neben dem Heimleiter arbeiten 1951 vier Erzieherinnen und ein Erzieher, dazu kommen Angestellte für Hauswirtschaft und landwirtschaftlichen Betrieb. Die ärztliche Betreuung erfolgt außerhalb der Einrichtung. Auf dem Gelände befindet sich eine eigene Schule, doch die Mädchen bringen häufig Lernrückstände mit. Der Unterricht orientiert sich vor allem an der Vorbereitung auf landwirtschaftliche Arbeit: Eine Lehrkraft unterrichtet zwei Gruppen wöchentlich jeweils zwölf Stunden nach dem Lehrplan der landwirtschaftlichen Berufsschule. Wie in allen Jugendwerkhöfen können die Mädchen lediglich eine Teilfacharbeiterinnenqualifikation erreichen – mit deutlich eingeschränkten späteren Berufs- und Lebenswegen.

 

Der Alltag ist durch eine strenge Heimordnung geprägt. Die Mädchen sind in sieben Zimmergruppen eingeteilt; Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit gelten als zentrale Maßstäbe. Neben der täglichen Arbeit fallen regelmäßig Reinigungs-, Näh- und Reparaturarbeiten an. Freizeit ist nur in organisierter Form vorgesehen (z. B. Chor, Laienspiel, Sport). Gleichzeitig ist das kulturelle Angebot am Parteiprogramm ausgerichtet: Es bestehen u. a. eine SED-Betriebsgruppe, FDJ-Betriebsgruppe, DSF-Betriebsgruppe und Gewerkschaftsgruppe. An örtlichen Veranstaltungen nehmen diese Gruppen teil – die Mädchen aus dem Jugendwerkhof werden dabei jedoch ausgegrenzt und als „Erziehungsfälle“ von „einwandfreien Jugendlichen“ abgegrenzt.

Spätphase und Auflösung 1990

Der Jugendwerkhof Klaffenbach erweitert im Laufe der Jahre beständig seine Kapazitäten. 1956 gibt es 66 Plätze, 1978 bereits 120 – nach wie vor ausschließlich für Mädchen. Im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft werden die Mädchen allerdings weniger in der Feldarbeit und zunehmend als Arbeitskräfte in umliegenden Betrieben gebraucht. Sie arbeiten in der Geflügelzucht, der Speisefettherstellung, Elektromontage oder Zerspanung in Neukirchen, Karl-Marx-Stadt oder Brand-Erbisdorf. Die Beschulung findet eher behelfsmäßig im Jugendwerkhof statt. Ausgebildetes Lehrpersonal ist schwer zu finden. Stellen bleiben unbesetzt. Die Spezialheime haben keinen guten Ruf. Die abgeschiedene Lage und die langen Schichten machen die Heime als Arbeitsort unattraktiv.

 

In einer Eingabe aus dem Jahr 1973 wird von Klagen einiger Mädchen über die Zustände im Jugendwerkhof berichtet. Sie beschweren sich über Schläge und körperliche Misshandlungen durch das Erzieherpersonal, Gewalt untereinander sowie Arreststrafen in einer kalten Zelle. Der Ausgang der Beschwerde ist nicht bekannt. [Quelle]

Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz: StA-C, 30413 Bezirkstag/RdB Karl-Marx-Stadt: Schreiben an Bezirk Karl-Marx-Stadt, Abteilung Volksbildung, Referat Jugendhilfe, 6.4.1973.

Vor dem Mauerfall werden deutlich weniger Jugendliche in den Jugendwerkhof Klaffenbach eingewiesen Im März 1990 wird der Jugendwerkhof schließlich aufgelöst. Zum Zeitpunkt der Schließung des Jugendwerkhofes befindet sich das Schloss in einem desolaten Bauzustand. Private Schmalfilmaufnahmen aus dem Filmarchiv Chemnitz von 1994 vermitteln einen Eindruck davon.

Es wird aufwändig saniert und ist seit 1995 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. [Archiv]Bundesarchiv Berlin, Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz, Stadtarchiv Chemnitz, Filmarchiv Chemnitz  [Literatur]Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 182f.

Vom 15. Juli bis zum 22. August 2025 waren in Rostock gleich zwei Wanderausstellungen zu sehen, die sich mit repressiven Maßnahmen der SED-Diktatur auseinandersetzen. Die „BLACKBOX HEIMERZIEHUNG“ thematisiert das repressive DDR-Heimsystem und „Einweisungsgrund: Herumtreiberei“ beleuchtet die Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Stationen. Gezeigt werden beide Ausstellungen zunächst in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Untersuchungs-haftanstalt (DuG) Rostock. Die Präsentation  beider Ausstellungen  und der Veranstaltungsreihe „Ich will nicht hinter Gittern
leben“ erfolgte in Kooperation mit der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock, dem Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und der Hanse- und Universitätsstadt Rostock.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. Juli – 22. August 2025
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 10–15 Uhr, sowie nach Anmeldung
Ausstellungsort: Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock (DuG), Grüner Weg 5, 18055 Rostock

 

Der Eintritt ist frei.

BLACKBOX HEIMERZIEHUNG

Die Wanderausstellung BLACKBOX HEIMERZIEHUNG der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau gastiert an historischen Orten der DDR-Heimerziehung und klärt im Innen- und Außenbereich eines umgebauten Seecontainers über die Geschichte des repressiven DDR-
Heimsystems auf. Seit 2022 ermöglichte die Ausstellung bereits an 21 verschiedenen Standorten die Auseinandersetzung mit einem Teil der DDR-Geschichte, der vielerorts bereits in Vergessenheit geraten ist. Am neuen Standort wird die Geschichte des Durchgangsheims in Rostock-Bramow
(1951–Ende der 1980er Jahre) und des Jugendwerkhofs Rühn (1950–1990) beleuchtet.

 

Website: www.blackbox-heimerziehung.de
Instagram: @ddr_heimerziehung_aufarbeiten

Einweisungsgrund: Herumtreiberei

Die Wanderausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Gedenkstätte GJWH Torgau und des Vereins Riebeckstraße 63 e.V. Im Fokus steht die Umerziehung in den Geschlossenen Venerologischen Stationen, in denen systematisch sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde. Betroffen waren vor allem Mädchen und Frauen, deren Verhalten von den sozialistischen Idealen der Arbeitsdisziplin, des partnerschaftlichen Zusammenlebens oder der Staatstreue abwich. Ein Schwerpunkt liegt auf der
Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Station in Rostock (1955–1979).

 

Website: www.einweisungsgrund-herumtreiberei.de
Instagram: @einweisungsgrundherumtreiberei

15.07. | 17 Uhr Ausstellungseröffnung

Den Auftakt bildet die feierliche Ausstellungseröffnung am Dienstag, 15. Juli 2025, um 17 Uhr in der DuG Rostock. Grußworte und Beiträge geben Einblicke in die Anliegen der Aufarbeitung und führen in die Ausstellungen ein. Anschließend finden Rundgänge durch die Ausstellungen statt.

 

Programm

  • Beiträge von Cathleen Mendle-Annuschkewitz (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rostock)

  • Dr. Steffi Brüning (Leiterin der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock)

  • Dr. Lars Tschirschwitz (Stellv. Landesbeauftragter für MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)

  • Anschließend Ausstellungsrundgänge mit Hannes Schneider (Gedenkstätte GJWH Torgau)

Ab 15.07 | Veranstaltungsreihe „Ich will nicht hinter Gittern leben“ 

Begleitend zur Rostocker Station findet eine Veranstaltungsreihe mit Gesprächen, Filmvorführung, Beratungsangeboten und einem Workshop statt.

 

  • 22.07. | 18 Uhr Betroffenengespräch (DuG) – Gespräch mit zwei Betroffenen der repressiven DDR-Heimerziehung bzw. Venerologischen Stationen. Begrüßung: Burkhard Bley. Moderation: Juliane Weiß.
  • 29.07. | 19 Uhr Film & Gespräch – „Trauma ‚Tripperburg‘ – Gewalt gegen Frauen in der DDR“ (Dokumentarfilm, 2023) mit anschließendem Gespräch. Ort: Lichtspieltheater Wundervoll, Frieda 23, 18057 Rostock.
  • 05.08. | 13–17 Uhr Beratungsnachmittag für Betroffene (DuG) – mit Mareen Joachim und dem Stasi-Unterlagen-Archiv. Anmeldung: post@lamv.mv-regierung.de 
  • 12.08. | 16–17:30 Uhr Erzählcafé – für betroffene Frauen der Geschlossenen Venerologischen Stationen (auch Angehörige und Interessierte willkommen). Ort: Rathaus-Anbau, Beratungsraum 1a.
  • 12.08. | 18 Uhr Vortrag – „Die Geschlossene Venerologische Station in Rostock“ (Dr. Steffi Brüning) mit anschließendem Rundgang. Anmeldung: gleichstellungsbeauftragte@rostock.de  Ort: Rathaus Rostock.
  • 14.08. | 16:30 Uhr Online-Workshop – „Disziplinierung und sexualisierte Gewalt in DDR-Umerziehungseinrichtungen – Strukturen, Erfahrungen und Verantwortung bis heute“. Anmeldung: info@einweisungsgrund-herumtreiberei.de 

Geschichte

Durchgangsheim Rostock-Bramow

Das Durchgangsheim wird um 1951 in der Carl-Hopp-Straße 4 in Rostock-Bramow neben einem Hilfsschulheim eröffnet. Obwohl es nur acht Plätze hat, ist es in den 1960er Jahren zeitweise mit 35 Mädchen und Jungen belegt.  Jährlich durchlaufen bis zu 190 Minderjährige das Heim.

 

Die Schlafräume im Heim bleiben nachts verschlossen. Einen Notruf gibt es nicht. Auch tagsüber ist stundenweise kein Personal vor Ort, sodass die Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit ohne Aufsicht eingeschlossen sind. Prügelstrafen und andere ehrverletzende Strafen sind für die 1960er Jahre belegt.

 

Ende der 1980er Jahre wird das Durchgangsheim wahrscheinlich nach Rostock-Schmarl verlegt. Das Gebäude in der Carl-Hopp-Straße existiert heute nicht mehr.

Rostock Transit Home

The transit home opens around 1951 at 4 Carl-Hopp-Straße in Rostock-Bramow, next to an auxiliary school home. Although it only has eight places, in the 1960s it is temporarily occupied by 35 girls and boys. Up to 190 minors pass through the transit home every year.


The dormitories remain locked at night. There is no emergency call system. During the day, staff would be absent for hours at a time, leaving the minors locked in without supervision. Beatings and dishonouring punishments are documented from the 1960s.


By the end of the 1980s, the transit centre probably moves to Rostock-Schmarl. The building in Carl-Hopp-Straße no longer exists today.

Das Normalkinderheim „Egon Schultz“ in Rostock-Lichtenhagen

Das Kinderheim „Egon Schultz“ ist ein staatliches Normalkinderheim in Rostock-Lichtenhagen. Dort werden Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 18 Jahren eingewiesen, etwa weil sie elternlos sind oder aus Sicht der Jugendhilfe als gefährdet gelten. Über Normalkinderheime ist bislang insgesamt wenig geforscht; auch zu dieser Einrichtung liegen bisher nur wenige Informationen vor.

 

Am 23. März 1981 wird die erste Bewohnerin aufgenommen. Der Vorschulteil wächst rasch, und die Belegung des gesamten Heims steigt auf rund 140 Kinder und Jugendliche. Der Tagesablauf ist streng reglementiert; auf Ordnung und Sauberkeit wird großer Wert gelegt. Das pädagogische Personal arbeitet in zwei Schichten, nachts betreuen zwei Nachtwachen die Kinder. Politisch-ideologische Erziehung und Kollektiverziehung spielen im Heimalltag eine zentrale Rolle.

 

Nach 1990 folgt eine Phase der Neuorientierung. Im Oktober 1992 übernimmt der ASB Landesverband Mecklenburg-Vorpommern die Einrichtung, später wird sie in dezentrale Wohngruppen umstrukturiert und das Angebot erweitert.

Vom 26. August bis zum 11. September 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Rühn auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Rühn zu sehen. Am historischen Ort des Jugendwerkhofs „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) setzt das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau einen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Die Präsentation erfolgt in Kooperation mit dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 26. August – 11. September 2025
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Ausstellungsort: Klosterverein Rühn e.V., Klosterhof 1, 18246 Rühn

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Jugendwerkhof Rühn 

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet. In den 1960er Jahren entwickelt sich die Einrichtung zu einem Jugendwerkhof mit rund 130 Plätzen sowie Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow. Im Mai 1962 wird dem Jugendwerkhof zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch prägen den Alltag im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit, fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte und das Unterschlagen von Taschengeld sind belegt. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht. 1990 wird der Jugendwerkhof aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

Digitales Begleitmaterial:

Digitales Zeitzeugenporträt über Marno, der als junger Mensch im Jugendwerkhof Rühn untergebracht war. Die Videos geben Einblicke in persönliche Erfahrungen und das Leben im Heim.

Marno #1 – Der Grübler


Marno ist eigentlich ein hochbegabtes Kind – doch seine Lehrer erkennen in seiner Unruhe nicht Neugierde, sondern stempeln ihn stattdessen früh als „Zappelphilipp“ ab. Zu Hause haben die beiden berufstätigen Eltern nur wenig Zeit für ihn, fordern
ihm aber gleichzeitig viel ab. Mit Verhaltensauffälligkeiten versucht er, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen – ohne Erfolg. Dafür wird jetzt das Referat Jugendhilfe auf ihn aufmerksam…

Marno #2 – Das Abenteuer

Das Referat Jugendhilfe ordnet eine ärztliche Untersuchung für Marno an. In deren Zuge wird ihm ein frühkindlicher Hirnschaden infolge von Sauerstoffmangel attestiert. Marno gilt von nun an als verhaltensgestört. Es erfolgt seine Einweisung in das Spezialkinderheim „Waldfrieden“ bei Loitsche. Der siebenjährige Marno hofft auf ein großes Abenteuer. Doch das Heim etabliert vom ersten Tag an einen rigorosen Drill. Er fängt an, auszubrechen. Wäre da nicht dieser unheimliche Wald…

Marno #3 – Tropfen und Pillen

Als Reaktion auf seine Fluchtversuche beschließt das Personal aus dem Spezialkinderheim „Waldfrieden“ Marnos Therapierung mit starken Medikamenten. Sie lassen Marno träge werden, beeinträchtigen sein Konzentrationsvermögen. Seinen Eltern darf er davon nichts erzählen. Was im Heimalltag passiert, darf nicht nach außen getragen werden.

Marno #4 – Die Therapie

Im Alter von elf Jahren kommt Marno ins Sonderheim Werftpfuhl, ein Heim für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie. Doch der Titel hält nicht, was er verspricht. Dem Personal fehlt es an dem nötigen Fachwissen, die Kinder bekommen keine therapeutische Förderung. Auch ist der Heimalltag in Werftpfuhl um einiges rigider als in Loitsche. Marno ist einmal mehr Einzelgänger, kann sich niemanden anvertrauen, unternimmt wieder Fluchtversuche. Aber wohin soll er nur gehen?

Marno #5 – Fische im Mund

Marno kommt ins Spezialkinderheim Borgsdorf, Kreis Oranienburg. Er wird fast die nächsten drei Jahre in dem Heim verbringen. Dort trifft er zum ersten Mal auf einen Psychologen, dem er scheinbar vertrauen kann und der ihm helfen will. Der Versuch geht jedoch nach hinten los.

Auch seine Eltern zeigen sich enttäuscht von ihm, äußern kaum mehr das Bedürfnis, ihn zu sehen. Doch auch Marno verliert aufgrund der schwierigen Situation zunehmend sein Vertrauen in sie.

Marno #6 – Die Puppe

Mit 14 Jahren wird Marno in den Jugendwerkhof „Neues Leben“ in Rühn eingewiesen. Hier erreichen physische und psychische Gewalt eine neue Stufe. Ohne Rücksicht muss Marno knochenharte Feldarbeit verrichten.

Neben einem sadistischen Erzieher sind es insbesondere die Bestrafungen der Jugendlichen durch das Heimkollektiv, die Marno verstören.

Wo ist er hier nur gelandet?

 

Marno #7 – In Torgau

Marno wird Entweichung, Kircheneinbruch und Diebstahl vorgeworfen. Zur Strafe erfolgt seine Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

Schon beim bloßen Anblick ist Marno von dem großen Gefängnistor, den Gittern vor den Fenstern und den hohen Mauern eingeschüchtert. In seiner Arrestzelle vernimmt er für den Ort ungewöhnliche Geräusche…

Marno #8 – Handabdrücke

Der Aufenthalt in Torgau setzt Marno zunehmend zu. Nie hätte er sich gedacht, dass ein Heim das bisher Erlebte übertreffen könnte. Aber Torgau ist genau dieser Ort.

Als Asthmatiker hat er Probleme, bei dem vielen Sport mitzuhalten, der in Torgau praktiziert wird. Sich mit jemanden zu solidarisieren, Freundschaft zu schließen, ist nicht. Hier ist ein jeder auf sich allein gestellt.

Marno #9 – Nicht mehr können

Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kommt Marno wieder in den Jugendwerkhof zurück. Weil er auch von dort mehrmals entweicht, wird seine erneute Einweisung nach Torgau beschlossen.

Kurz vor seinem Transport trifft Marno einen tiefgreifenden Entschluss…

Marno #10 – Urteil

Nach seinem Suizidversuch wird Marno mit 17 Jahren aus der Heimerziehung entlassen.

Nach all den Jahren zieht er wieder bei seinen Eltern ein, aber es funktioniert nicht. Die Distanz zwischen ihm und seiner Familie ist zu groß geworden. Dann lernt er die falschen „Freunde“ kennen, fängt an, regelmäßig das Gesetz zu brechen. Als er scheinbar nicht mehr tiefer fallen kann, erreicht ihn eine unverhoffte Entscheidung.

Marno #11 – Vater und Sohn

Heute lebt Marno gesetzestreu, interessiert sich noch immer für Aquaristik, hat einen kleinen Laden, in dem ihm auch sein Sohn zur Hand geht.

 

Der alleinerziehende Vater versucht in Sachen Erziehung sein Bestes, doch oft holt ihn seine Heimvergangenheit ein.

 

Vom 24. April bis 9. Mai 2025 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG erstmals in Gera zu sehen. Nach dem Kinder- und Jugend-hilfetag in Leipzig kehrte die Wanderausstellung ab dem 19. Mai in die Stadt zurück und stand bis zum 24. Juni 2025 vor dem Theater Altenburg Gera. Als mobiles Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau klärte die Ausstellung über die Geschichte des repressiven DDR-Heimsystems auf und erinnerte an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder.

 

In Gera thematisierte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG außerdem die Geschichte des Jugendwohn- und Durchgangsheims „Ernst Thälmann“, das zunächst in der Greizer Straße 23 bestand und 1961 in die Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße) verlegt wurde.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 24. April – 9. Mai 2025 | 19. Mai – 24. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10–18 Uhr | Samstag, 10–17 Uhr
Ausstellungsort: Theaterplatz 1, 07548 Gera (vor dem Theater Altenburg Gera)

 

Der Eintritt ist frei.

24.04. | 13 Uhr Ausstellungseröffnung

Die Ausstellungseröffnung fand am Donnerstag, 24. April 2025, um 13 Uhr auf dem Theaterplatz in Gera statt. Im Anschluss führte ein Zeitzeuge des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau durch die Ausstellung.

 

Programm

  • Begrüßung: Frank Karbstein, Vorstandsvorsitzender Gedenkstätte Amthordurchgang e. V.
  • Grußwort: Felix Eckerle, Amtsleiter Kulturamt Gera
  • Grußwort: Dr. Sophie Oldenstein, Chefdramaturgin Theater Altenburg Gera
  • Vorstellung der Ausstellung und Rundgang mit Zeitzeuge

04.06. | 18 Uhr Film und Podiumsgespräch „Verlorene Zeit“

Am Mittwoch, 4. Juni 2025, um 18 Uhr fand im Chorsaal des Theaters Altenburg Gera eine begleitende Abendveranstaltung statt. Unter dem Titel „Verlorene Zeit. Mit der Heimerziehung war meine Kindheit zu Ende“ wurde zunächst ein 15-minütiger Film gezeigt. Er beleuchtet repressive Bedingungen der DDR-Heimerziehung und die Erfahrungen einer Frau, die als Jugendliche im Durchgangsheim Schmiedefeld Isolation und Gewalt erlebte.

 

Anschließend folgte ein Gespräch mit Expert:innen, die seit Jahren mit Betroffenen arbeiten. Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung in Thüringen. Die Veranstaltung richtete sich ausdrücklich auch an Betroffene, die besonders herzlich eingeladen waren.

Geschichte

Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst Thälmann“ in Gera

„Als ich 1978 ins kleine Durchgangsheim in Gera kam, war auch dies geschlossen, ein sehr kleines Gebäude. Alle Kinder waren dort in zwei Räumen untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung durch Sehschlitze in der Tür. Es gab kein Tageslicht, nur Glasbausteine und da waren auch zwei Arrestzellen.“

Anfänge und Standortwechsel

1949 wird das Durchgangsheim Gera in einem alten Patrizierhaus in der Greizer Straße 23 eröffnet. Zuvor war das Haus ein Waisenhaus.

In den 1950er Jahren werden aufgegriffene Kinder und Jugendliche aus den Kreisen Jena, Stadtroda, Rudolstadt und Eisenberg in das Durchgangsheim gebracht, wenn die Behörden eine Gefährdung vermuten. In einigen Dokumenten wird das Heim als „Auffanglager Greizerstraße“ oder „Durchgangslager Gera“ bezeichnet. 

 

Der Zustand der Einrichtung ist zu dieser Zeit desolat: defekte Türen und Fenster, unhygienische Waschräume, Überbelegung; all diese Mängel sollen behoben werden. Trotz der hohen Auslastung ist in einem Teil des Gebäudes ein Lehrlingswohnheim geplant.

1953 investiert der Bezirk im Rahmen einer „Schandfleckaktion“ 20.000 DM in die Sanierung. Im Heim wird ein neuer „Kulturraum“ geschaffen. Zusätzliche Möbel, Gardinen und Tischdecken werden angeschafft, um die Räume wohnlicher zu gestalten. Einige Arbeiten übernehmen die Jugendwerkhöfe (JWH) im Bezirk: Jugendliche aus dem JWH Bad Köstritz führen Maurerarbeiten aus, Bad Klosterlausnitz übernimmt Zimmererarbeiten, Hummelshain liefert neue Möbel.

 

Dennoch bleibt die Wohnsituation problematisch. Deshalb verlegt man das Heim 1961 in das Gebäude einer ehemaligen Fabrikantenvilla in der Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße). Die Villa nutzt man zweigeteilt: Im Haupthaus betreut man „Waisen und pädagogisch vernachlässigte“ Jugendliche, während sich im Seitenflügel und in der Remise vermutlich das Durchgangsheim befindet. Dort sind die Fenster vergittert, und die Räume bleiben beengt. Auch organisatorisch trennt man beide Bereiche deutlich. In der Küche kocht man beispielsweise zweimal täglich – einmal für die Jugendlichen des Wohnheims und einmal für die Jugendlichen des Durchgangsheims.

Kapazitäten und Belegung

Durchgängige Belegungszahlen sind nicht überliefert. Mitte der 1960er Jahre hat das Durchgangsheim jedoch etwa 30 Plätze, während im Jugendwohnheim dauerhaft über 70 Jugendliche leben, teilweise in großen Schlafsälen. Für die 1970er Jahre nennt man insgesamt 112 Plätze (80 im Jugendwohnheim, 32 im Durchgangsheim). Jährlich durchlaufen 700 bis 800 Jugendliche die Einrichtung.

 

Nutzung nach 1990

Auch nach 1990 nutzt man die Villa weiter als Heimeinrichtung. Allerdings reduziert man die Belegung deutlich, und man entfernt Fenstergitter im Nebenhaus. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten leben 1998 nur noch 28 Jugendliche in der Einrichtung. Träger des heutigen Jugendwohnheims in der Berliner Straße 138 ist der Internationale Bund (IB).

Vom 13. bis 15. Mai 2025 war die mobile Ausstellung BLACKBOX HEIMERZIEHUNG im Rahmen des 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags (DJHT) auf dem Neuen Messegelände in Leipzig zu sehen. Als besonderer Standort richtete sich die Ausstellung hier vor allem an Fachpublikum aus Jugendhilfe, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft. Gleichzeitig bot die Präsentation auch Besucher:innen die Möglichkeit, sich am mobilen Denkzeichen mit der Geschichte repressiver Heimerziehung auseinander-zusetzen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit dem Sächsischen Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt und wurde durch die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) unterstützt.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 13. bis 15. Mai 2025

Öffnungszeiten:

13. und 14. Mai 2025: 10:00 bis 19:00 Uhr
15. Mai 2025: 10:00 bis 17:00 Uhr

Ausstellungsort: Neues Messegelände Leipzig

 

Der Eintritt ist frei. 

13.05.–15.05. | BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Leipzig DJHT (18. Deutscher Kinder- und Jugendhilfetag)

Vom 13. bis 15. Mai 2025 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Leipzig auf dem Neuen Messegelände Leipzig im Rahmen des

18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags zu sehen. Während der drei Veranstaltungstage stand die Ausstellung als mobiler Lern- und Erinnerungsort für Gespräche, Fragen und Austausch zur Verfügung. Die Besucher:innen der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG konnten mit dem Team der Gedenkstätte und Zeitzeug:innen (14. & 15.05.) ins Gespräch kommen und sich mit der Geschichte
repressiver Heimerziehung in der DDR auseinandersetzen.

 

 

Vom 15. Oktober bis zum 11. November 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar (DNT) anlässlich des 35. Jahrestages der Friedlichen Revolutionund ergänzte die künstlerische Auseinandersetzung DNT mit dem Thema repressive DDR-Heimerziehung.

 

Auf die Arbeit der Gedenkstätte wurde das DNT im Zuge der Recherche für die Produktion „Jenseits der Blauen Grenze“ aufmerksam. Die Inszenierung basiert auf dem Jugendroman von Dorit Linke. Auch in Thomas Freyers Stück „dumme Jahre“ spielt das Thema eine zentrale Rolle: Eine Figur verarbeitet traumatische Erfahrungen aus Durchgangs- und Spezialkinderheimen – und macht sichtbar, wie tief diese Erlebnisse nachwirken.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. Oktober – 11. November 2024
Öffnungszeiten: Freitag bis Dienstag sowie an Feiertagen, 13–18 Uhr
Standort: Stéphane-Hessel-Platz, 99423 Weimar

 

Der Eintritt ist frei.

02.11.–13.11. | Theaterprogramm in Begleitung der »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG«

Im Zeitraum vom 2. bis 13. November 2024 begleitet die »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« das Theaterprogramm des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Im Zentrum stehen die Produktionen »dumme Jahre« von Thomas Freyer und »Jenseits der Blauen Grenze« nach dem Jugendroman von Dorit Linke. Die Aufführungen und begleitenden Formate greifen das Thema repressive DDR-Heimerziehung auf und schaffen Räume für Austausch und Reflexion.

  • 02.11. / 19:30 Uhr – Vorstellung »dumme Jahre« – Im Anschluss Nachgespräch zum Thema „Repressive DDR-Heimerziehung“ mit Zeitzeug:innen

  • 05.11. / 19:00 Uhr – Wiederaufnahme »Jenseits der Blauen Grenze«

  • 06.11. / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«

  • 13.11.  / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 
Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

 

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 

HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim.

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

Vom 10. September bis zum 14. Oktober 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG auf dem Gelände des Informations- und Begegnungszentrums (IBZ) Königsheide in Berlin zu sehen. In Kooperation mit dem IBZ gastierte das mobile Denkzeichen am Ort des ehemals größten Kinderheims der DDR und setzte damit einen Impuls für die Auseinandersetzung mit der Geschichte repressiver Heimerziehung.

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 10. September – 14. Oktober 2024

Öffnungszeiten:

Dienstag: 11 bis 15 Uhr
Mittwoch: 10 bis 17 Uhr 
Donnerstag: 10 bis 19 Uhr 

sowie am  Samstag den 21.09. und 5.10. von 10 bis 18 Uhr.

Ausstellungsort: IBZ – Informations- und Begegnungszentrum Königsheide, Südostallee 146 | Parkplatz, 12487 Berlin

 

Der Eintritt ist frei.

12.10. | 15 Uhr Abschlussveranstaltung

Zum Ende der Station fand am 12. Oktober 2024 um 15 Uhr eine Abschlussveranstaltung statt, die von einem Zeitzeugengespräch begleitet wurde.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der begleitenden Website www.blackbox-heimerziehung.de

Geschichte

Kinderheim „A.S. Makarenko“ Berlin-Johannisthal

Das größte Kinderheim der DDR wird 1953 in der Königsheide eröffnet und ist von Beginn an ein Prestigeobjekt des sozialistischen Staates. Das Heim bietet Platz für bis zu 600 Kinder und Jugendliche. Eine eigene Säuglings- und Kleinkinderstation ermöglicht die Aufnahme aller Altersgruppen. Das Areal wird bis zum Ende der 1960er Jahre sukzessive erweitert: Neben einer zweiten Schule kommen u.a. eine Freilichtbühne, ein Schwimmbecken und ein heimeigener Zoo hinzu.

 

In Größe und Ausstattung ist die seit 1968 nach dem Sowjetpädagogen A. S. Makarenko benannte Vorzeigeeinrichtung alles andere als repräsentativ für die landesweite Realität in Heimen der DDR. Trotzdem ist auch der pädagogische Alltag in der Königsheide geprägt vom üblichen Leitgedanken sozialistischer Kollektiverziehung.

 

Bis zu seiner Schließung im Jahr 1998 werden mehr als 16.600 Minderjährige in dieser Einrichtung untergebracht. Seit 2008 engagiert sich der Verein „Königsheider Eichhörnchen“ für die Aufarbeitung der Geschichte des größten DDR-Kinderheimes. Das Informations- und Begegnungszentrum (IBZ) Königsheide bietet seit 2018 eine Möglichkeit zur Erinnerung und Auseinandersetzung am historischen Ort.

„A.S. Makarenko“ Children’s Home Berlin-Johannisthal

The largest children’s home in the GDR was opened in Königsheide in 1953 and was a prestige project of the socialist state from the outset. The home had a capacity of 600 children and juveniles. Its own ward for infants and small children enabled it to accept all age groups. The grounds were gradually extended until the late 1960s: in addition to a second school, they included an open-air stage, a swimming pool, and the home’s own zoo.

 

Named after the Soviet pedagogue A. S. Makarenko in 1968, the facility’s size and equipment were by no means typical of the reality in homes throughout the GDR. Nevertheless, daily educational life in Königsheide was defined by the typical guiding principles of socialist collective education.

 

By the time it closed in 1998, the facility had accommodated over 16,600 minors. Since 2008, the association “Königsheider Eichhörnchen” has been researching the history of the GDR’s largest children’s home. Since 2013, the information and meeting centre (IBZ) Königsheide has provided a place to remember and engage with the historical location.

Vom 18. Juni bis zum 8. September 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Marienborn auf dem Gelände der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn zu sehen. In Kooperation mit der Gedenkstätte informierte das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau am historischen Ort des ehemaligen größten DDR-Grenzübergangs über die Geschichte der repressiven Heimerziehung in der DDR.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 18.06.–08.09.2024
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr
Ausstellungsort: Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, Autobahn 2, 39365 Harbke


Der Eintritt ist frei.

08.09. | 15 Uhr Finissage (Tag des offenen Denkmals)

Am 8. September 2024 endete die Station Marienborn mit einer Abschlussveranstaltung am Tag des offenen Denkmals unter dem Motto „Wahr-Zeichen. Zeitzeugen der Geschichte“. Um 15 Uhr fand ein Zeitzeuginnengespräch mit einer Betroffenen der repressiven DDR-Heimerziehung statt.

 

Moderation: Manuela Rummel (Gedenkstätte GJWH Torgau)

 

Ort: Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, Hauptgebäude (Besucherzentrum), 1. OG, Autobahn 2, 39365 Harbke

 

Programm 

  • 10:30 Uhr Vortrag „Kontrolle, Befestigung, Representation: Der Bau der Grenzübergangsstelle Marienborn“ Dr. Felix Ludwig
  • 11:00 Uhr Sonderführung durch die Tunnel
  • 13:00–17:00 Uhr Exklusive Einblicke in die Trafo-Station der ehemaligen GÜSt Marienborn
  • 14:15 Uhr Führung zu historischen Militärfahrzeugen
  • 15:00 Uhr Finissage BLACKBOX HEIMERZIEHUNG: Zeitzeuginnengespräch
  • 16:15 Uhr Sonderführung durch die Tunnel

Hinweis: Während der Standzeit verzeichnete die Ausstellung am Standort Marienborn bereits 19.260 Besucher:innen und damit einen Besucherrekord.

Geschichte

 Jugendwerkhof Burg

Der Jugendwerkhof „August-Bebel“ in Burg in Sachsen-Anhalt wurde 1949 in einer ehemaligen Landeserziehungsanstalt auf dem Gut Lüben eingerichtet. Mit 360 Insassen, etwa ein Drittel Jungen und zwei Drittel Mädchen, entwickelte er sich zum größten Jugendwerkhof der DDR – die Einrichtung war ein Massenbetrieb. Erst Mitte der 1980er Jahre wurde sie verkleinert. 

Auffällig an dem Jugendwerkhof ist die große Zahl der Jugendlichen, die einen Fluchtversuch unternahmen. So versuchten 211 Jugendliche im Jahre 1962 zu entkommen. Ende der 1970er Jahre dauerte der Aufenthalt in dem Heim für die meisten Jugendlichen bis zu einem Jahr. Es gab aber auch etliche Jugendliche, die drei und mehr Jahre in dem Jugendwerkhof verbringen mussten – manche bis zu sieben Jahren und länger.

Viele Jugendliche arbeiteten als billige, dringend benötigte Arbeitskräfte in den Betrieben der Umgebung, beispielsweise in dem VEB Knäcke-Werke Burg. Wie überall in den Jugendwerkhöfen erhielten die Jugendlichen nur Teilausbildungen, die Jungen beispielsweise in der Schuhfabrik „Roter Stern“ in Burg, die Mädchen zum Beispiel im Werk Burg des VEB Volltuchwerke Crimmitschau. Mit diesen Teilausbildungen waren die Jugendlichen kaum für den Arbeitsmarkt qualifiziert. Ein interner Bericht kritisierte 1981 zudem die schlechte Qualität der Berufsausbildung in zwei Betrieben, weil die Jugendlichen vor allem zu Hilfsarbeiten eingesetzt würden. 

Vom 30. April bis zum 13. Juni 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Erfurt in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit DENKOrte, dem Gesprächskreis Betroffene der DDR-Heimerziehung, der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße sowie dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte Matthias Domaschk.

 

In der thüringischen Landeshauptstadt erinnerte die Ausstellung zudem an das 1963 eingerichtete Durchgangsheim Erfurt in der Winzergasse 21.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 30. April – 13. Juni 2024

Öffnungszeiten:
Dienstag: 12 bis 20 Uhr
Mittwoch: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 12 bis 20 Uhr
Freitag: 10 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr

Ausstellungsort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Der Eintritt ist frei.

13.06. | 18 Uhr Finissage | Buch im Kubus: Manfred May »edition H«

Ort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Zur  feierlichen Abschlussveranstaltung am 13. Juni 2024 um 18 Uhr las Manfred May aus seiner Publikationsreihe „edition H“, die Selbstzeugnisse und Quellen zur repressiven DDR-Heimerziehung versammelt.

 

Manfred May war viele Jahre Ansprechpartner für ehemalige DDR-Heimkinder in Thüringen. May ist Künstler, seine Ausstellungen 2014 und 2018 in der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße waren inspiriert von sehr persönlichen Gaben Betroffener und bedrückenden Funden in Archiven.

 

Vor der Lesung wird der Dokumentarfilm »Verlorene Zeit« des Jenaer Filmemachers Torsten Eckold und der Historikerin Stefanie Falkenberg über das Durchgangsheim Schmiedefeld gezeigt.

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 

Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 
HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim. 

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

Nach dem ersten Standort in Dresden im Rahmen der Jugendgeschichtstage war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG vom 

28. November bis zum 7. Dezember 2023 auf dem Gelände des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sehen. Dort eröffnete am 28. November 2023 die Sächsische Staatsministerin Petra Köpping die Ausstellung mit einem Grußwort.


Bis zum 7. Dezember 2023 erinnerte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG an die Geschichte des Dresdner Durchgangsheims, das nach mehreren Umzügen bis 1987 in der Togliattistraße 30 (heute Glacisstraße) untergebracht war.


Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 28. November bis 7. Dezember 2023
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10 bis 16 Uhr
Ausstellungsort: Gelände des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Albertstraße 10, 01097 Dresden (Zugang zur Ausstellung über die Erich-Ponto-Straße)


Der Eintritt ist frei.

28.11. | 14:30 Uhr Eröffnungsveranstaltung

Ort: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Albertstraße 10, 01097 Dresden

 

Programm 

  • Grußwort der Staatsministerin Petra Köpping, Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
  • Grußwort der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau / Vorstellung des Projektes BLACKBOX HEIMERZIEHUNG 
  • Moderiertes Zeitzeugengespräch

Anschließend Rundgang und Zeit für einen persönlichen Austausch.

Geschichte

Durchgangsheim Dresden 

Am Steinberg 5 in Dresden-Wachwitz wird 1951 ein Durchgangsheim eröffnet. Im Laufe der Jahre zieht es mehrfach um, 1963 in die Döbelner Straße 54 und 1977 

in die Togliattistraße 30 (heute Glacisstraße) mitten in die Dresdener Innenstadt. Das Durchgangsheim bietet

etwa 30 Plätze für minderjährige Mädchen und Jungen.  

Aufgrund strenger Vorschriften sind Durchgangsheime gefängnisähnliche Einrichtungen und eine Unterbringung bedeutet immer einen Freiheitsentzug. 

 

Im Durchgangsheim Dresden sind die Räume nachts verschlossen und die Fenster vergittert. Es gibt Arrestzellen und eine Signalanlage, die mit der nächsten Polizeistation verbunden ist. Gewaltanwendungen, Suizid- und Fluchtversuche sind dokumentiert.

Im Jahr 1987 wird das Durchgangsheim Dresden im Zuge einer Neuorganisation aller DDR-Durchgangsheime geschlossen.

Durchgangsheime in der DDR 

In Durchgangsheimen sind Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren vorübergehend untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht. Eine vorläufige Unterbringung von bis zu 18 Tagen ist vorgesehen. In der Praxis dauert der Aufenthalt jedoch oft mehrere Monate.

Bilder Durchgangsheim Dresden 

Durchgangsheim in der Togliatti (Glacisstraße) 30 in Dresden-Neustadt, 1988

English Version 

Dresden transit home

Transit homes were part of the GDR’s system of special homes and were usually prison-like facilities to accommodate children and juveniles temporarily.

In 1951, a transit home was established at Am Steinberg 5 in Dresden-Wachwitz. Over the years, it changed addresses several times, moving to Döbelner Strasse 54 in 1963 and to Togliattistrasse 30 (today’s Glacisstrasse), in Dresden’s city centre, in 1977. The transit home provided space for 30 juvenile girls and boys.

Due to the strict security regulations, transit homes were similar to prisons and always meant depriving the children of their freedom. At the Dresden transit home, rooms were locked at night and the windows were barred. There was an arrest cell and a signal system connected to the nearest police station. Documents show evidence of violence, as well as attempted suicides and escapes. In 1987, the Dresden transit home was closed during the reorganisation of all GDR transit homes.

Transit homes

Children and juveniles aged 3 to 18 were accommodated in the GDR’s transit homes until a decision was made about their futures. They included minors who had run away from home because it was too dangerous for them to remain with their parents. Others were due to be housed in more permanent homes, but were still waiting to be allocated a place. Due to the strict security regulations, transit homes were similar to prisons and always meant depriving the children of their freedom. After their official closure in 1987, some facilities continued to operate as transit facilities.

Zeitzeugen gesucht