Zeitzeugen gesucht

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Zeitzeugen gesucht

Vom 15. April bis 22. Mai 2026 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG in Auerbach/Vogtland zu sehen. In Kooperation mit dem Gemeinnützigen Schulungszentrum für Sozialwesen lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.

Die Ausstellung setzt einen wichtigen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Im Mittelpunkt der Station stehen zwei regionale Orte: das ehemalige Spezialkinderheim „Friedenswacht“ in Triebel sowie der Jugendwerkhof „Schloss Voigtsberg“ in Oelsnitz/Vogtland. Die Ausstellung knüpft damit an lokale Geschichte an, erinnert an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder und lädt zum Austausch ein.

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. April – 22. Mai 2026

Öffnungszeiten: Mo-Do: 08:00 bis 15:00 Uhr; Fr: 08 bis 13:00 Uhr

Ausstellungsort: Gemeinnütziges Schulungszentrum für Sozialwesen, Stauffenbergstr. 19, 08209 Auerbach/Vogtland  (Außenbereich vor dem Schulgelände)

Der Eintritt ist frei.

15.04.2026 | Eröffnung

Am 15. April 2026 um 11:00 Uhr wird die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG eröffnet. Es wird eine Einführung in die Ausstellung durch einen Mitarbeiter der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof geben.

Geschichte

Spezialkinderheim „Friedenswacht“
Triebel

1951 eröffnet in Triebel das Kindererziehungsheim „Friedenswacht“. Bereits 1952/1953 erfolgt die Umstrukturierung zum Spezialkinderheim. Insgesamt bietet die Einrichtung Platz für bis zu 45 Jungen im Alter von 6 bis 14 Jahren. 1968 wird das Heim schließlich aufgelöst. In den folgenden Jahrzehnten nutzt das Ministerium für Staatssicherheit den Gebäudekomplex als Kinderferienlager. Heute befindet sich dort ein buddhistisches Meditationszentrum.

“Friedenswacht” special children’s home Triebel

The “Friedenswacht” children’s educational home opens in Triebel in 1951. Shortly afterwards, it is restructured into a special children’s home (1952/1953) with a capacity of 45 boys aged 6 to 14. The facility is eventually closed in 1968. In the following decades, the Ministry of State Security uses the building complex as a children’s holiday camp. Today, it houses a Buddhist meditation centre.

Jugendwerkhof „Schloss Voigtsberg“
Oelsnitz/ Vogtland

Nach dem Zweiten Weltkrieg dient Schloss Voigtsberg zunächst als Flüchtlingsunterkunft. 1952 richtet die DDR hier einen Jugendwerkhof ein. Er bietet Platz für 140 Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Ab 1957 ordnet man den Jugendwerkhof dem Typ C „Hilfsschüler“ zu. Die Jugendlichen besuchen eine heiminterne „Hilfsschule“, die nur ein eingeschränktes Bildungsniveau vorsieht. Außerdem erfolgen Arbeitseinsätze u. a. in der Rinderzucht Geilsdorf, der Baumwollspinnerei Lengenfeld und im Teppichwerk Oelsnitz. Ende 1961 wird der Jugendwerkhof aufgelöst: Die Jugendlichen werden entlassen oder in anderen Heimen untergebracht. Nachweislich kommen 40 Jugendliche vorübergehend in den Jugendwerkhof Antonsthal, bis das Spezialkinderheim Meerane fertiggestellt ist.

“Schloss Voigtsberg” juvenile workhouse, Oelsnitz/ Vogtland

After World War II, Schloss Voigtsberg is initially used to accommodate refugees. In 1952, a juvenile workhouse is established there. It provides space for 140 girls and boys aged 14 to 18. From 1957 onwards, it is assigned to the Type C category (“Hilfsschüler”). The youths attend the home’s internal special school (“Hilfsschule”), which teaches only to modest standards. In addition, labour assignments take place at locations including the Geilsdorf cattle farm, the Lengenfeld cotton mill and the Oelsnitz carpet factory. The juvenile workhouse is closed at the end of 1961. As a result, the youths are released or moved to other homes. There is evidence that 40 youths are temporarily accommodated at the Antonsthal juvenile workhouse until the completion of the Meerane special children’s home.

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: Willy Schröder) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet.

 

In den 1960er Jahren hat der Jugendwerkhof rund 130 Plätze mit Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow.

 

Im Mai 1962 wird der Einrichtung zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch sind Teil des Alltags im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit und fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte sind belegt. Taschengeld wird unterschlagen. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht.

 

Der Jugendwerkhof wird 1990 aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Vom 26. August bis zum 11. September 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Rühn auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Rühn zu sehen. Am historischen Ort des Jugendwerkhofs „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) setzt das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau einen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Die Präsentation erfolgt in Kooperation mit dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 26. August – 11. September 2025
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Ausstellungsort: Klosterverein Rühn e.V., Klosterhof 1, 18246 Rühn

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Jugendwerkhof Rühn 

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet. In den 1960er Jahren entwickelt sich die Einrichtung zu einem Jugendwerkhof mit rund 130 Plätzen sowie Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow. Im Mai 1962 wird dem Jugendwerkhof zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch prägen den Alltag im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit, fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte und das Unterschlagen von Taschengeld sind belegt. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht. 1990 wird der Jugendwerkhof aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

Digitales Begleitmaterial:

Digitales Zeitzeugenporträt über Marno, der als junger Mensch im Jugendwerkhof Rühn untergebracht war. Die Videos geben Einblicke in persönliche Erfahrungen und das Leben im Heim.

Marno #1 – Der Grübler


Marno ist eigentlich ein hochbegabtes Kind – doch seine Lehrer erkennen in seiner Unruhe nicht Neugierde, sondern stempeln ihn stattdessen früh als „Zappelphilipp“ ab. Zu Hause haben die beiden berufstätigen Eltern nur wenig Zeit für ihn, fordern
ihm aber gleichzeitig viel ab. Mit Verhaltensauffälligkeiten versucht er, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen – ohne Erfolg. Dafür wird jetzt das Referat Jugendhilfe auf ihn aufmerksam…

Marno #2 – Das Abenteuer

Das Referat Jugendhilfe ordnet eine ärztliche Untersuchung für Marno an. In deren Zuge wird ihm ein frühkindlicher Hirnschaden infolge von Sauerstoffmangel attestiert. Marno gilt von nun an als verhaltensgestört. Es erfolgt seine Einweisung in das Spezialkinderheim „Waldfrieden“ bei Loitsche. Der siebenjährige Marno hofft auf ein großes Abenteuer. Doch das Heim etabliert vom ersten Tag an einen rigorosen Drill. Er fängt an, auszubrechen. Wäre da nicht dieser unheimliche Wald…

Marno #3 – Tropfen und Pillen

Als Reaktion auf seine Fluchtversuche beschließt das Personal aus dem Spezialkinderheim „Waldfrieden“ Marnos Therapierung mit starken Medikamenten. Sie lassen Marno träge werden, beeinträchtigen sein Konzentrationsvermögen. Seinen Eltern darf er davon nichts erzählen. Was im Heimalltag passiert, darf nicht nach außen getragen werden.

Marno #4 – Die Therapie

Im Alter von elf Jahren kommt Marno ins Sonderheim Werftpfuhl, ein Heim für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie. Doch der Titel hält nicht, was er verspricht. Dem Personal fehlt es an dem nötigen Fachwissen, die Kinder bekommen keine therapeutische Förderung. Auch ist der Heimalltag in Werftpfuhl um einiges rigider als in Loitsche. Marno ist einmal mehr Einzelgänger, kann sich niemanden anvertrauen, unternimmt wieder Fluchtversuche. Aber wohin soll er nur gehen?

Marno #5 – Fische im Mund

Marno kommt ins Spezialkinderheim Borgsdorf, Kreis Oranienburg. Er wird fast die nächsten drei Jahre in dem Heim verbringen. Dort trifft er zum ersten Mal auf einen Psychologen, dem er scheinbar vertrauen kann und der ihm helfen will. Der Versuch geht jedoch nach hinten los.

Auch seine Eltern zeigen sich enttäuscht von ihm, äußern kaum mehr das Bedürfnis, ihn zu sehen. Doch auch Marno verliert aufgrund der schwierigen Situation zunehmend sein Vertrauen in sie.

Marno #6 – Die Puppe

Mit 14 Jahren wird Marno in den Jugendwerkhof „Neues Leben“ in Rühn eingewiesen. Hier erreichen physische und psychische Gewalt eine neue Stufe. Ohne Rücksicht muss Marno knochenharte Feldarbeit verrichten.

Neben einem sadistischen Erzieher sind es insbesondere die Bestrafungen der Jugendlichen durch das Heimkollektiv, die Marno verstören.

Wo ist er hier nur gelandet?

 

Marno #7 – In Torgau

Marno wird Entweichung, Kircheneinbruch und Diebstahl vorgeworfen. Zur Strafe erfolgt seine Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

Schon beim bloßen Anblick ist Marno von dem großen Gefängnistor, den Gittern vor den Fenstern und den hohen Mauern eingeschüchtert. In seiner Arrestzelle vernimmt er für den Ort ungewöhnliche Geräusche…

Marno #8 – Handabdrücke

Der Aufenthalt in Torgau setzt Marno zunehmend zu. Nie hätte er sich gedacht, dass ein Heim das bisher Erlebte übertreffen könnte. Aber Torgau ist genau dieser Ort.

Als Asthmatiker hat er Probleme, bei dem vielen Sport mitzuhalten, der in Torgau praktiziert wird. Sich mit jemanden zu solidarisieren, Freundschaft zu schließen, ist nicht. Hier ist ein jeder auf sich allein gestellt.

Marno #9 – Nicht mehr können

Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kommt Marno wieder in den Jugendwerkhof zurück. Weil er auch von dort mehrmals entweicht, wird seine erneute Einweisung nach Torgau beschlossen.

Kurz vor seinem Transport trifft Marno einen tiefgreifenden Entschluss…

Marno #10 – Urteil

Nach seinem Suizidversuch wird Marno mit 17 Jahren aus der Heimerziehung entlassen.

Nach all den Jahren zieht er wieder bei seinen Eltern ein, aber es funktioniert nicht. Die Distanz zwischen ihm und seiner Familie ist zu groß geworden. Dann lernt er die falschen „Freunde“ kennen, fängt an, regelmäßig das Gesetz zu brechen. Als er scheinbar nicht mehr tiefer fallen kann, erreicht ihn eine unverhoffte Entscheidung.

Marno #11 – Vater und Sohn

Heute lebt Marno gesetzestreu, interessiert sich noch immer für Aquaristik, hat einen kleinen Laden, in dem ihm auch sein Sohn zur Hand geht.

 

Der alleinerziehende Vater versucht in Sachen Erziehung sein Bestes, doch oft holt ihn seine Heimvergangenheit ein.

 

Vom 24. April bis 9. Mai 2025 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG erstmals in Gera zu sehen. Nach dem Kinder- und Jugend-hilfetag in Leipzig kehrte die Wanderausstellung ab dem 19. Mai in die Stadt zurück und stand bis zum 24. Juni 2025 vor dem Theater Altenburg Gera. Als mobiles Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau klärte die Ausstellung über die Geschichte des repressiven DDR-Heimsystems auf und erinnerte an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder.

 

In Gera thematisierte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG außerdem die Geschichte des Jugendwohn- und Durchgangsheims „Ernst Thälmann“, das zunächst in der Greizer Straße 23 bestand und 1961 in die Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße) verlegt wurde.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 24. April – 9. Mai 2025 | 19. Mai – 24. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10–18 Uhr | Samstag, 10–17 Uhr
Ausstellungsort: Theaterplatz 1, 07548 Gera (vor dem Theater Altenburg Gera)

 

Der Eintritt ist frei.

24.04. | 13 Uhr Ausstellungseröffnung

Die Ausstellungseröffnung fand am Donnerstag, 24. April 2025, um 13 Uhr auf dem Theaterplatz in Gera statt. Im Anschluss führte ein Zeitzeuge des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau durch die Ausstellung.

 

Programm

  • Begrüßung: Frank Karbstein, Vorstandsvorsitzender Gedenkstätte Amthordurchgang e. V.
  • Grußwort: Felix Eckerle, Amtsleiter Kulturamt Gera
  • Grußwort: Dr. Sophie Oldenstein, Chefdramaturgin Theater Altenburg Gera
  • Vorstellung der Ausstellung und Rundgang mit Zeitzeuge

04.06. | 18 Uhr Film und Podiumsgespräch „Verlorene Zeit“

Am Mittwoch, 4. Juni 2025, um 18 Uhr fand im Chorsaal des Theaters Altenburg Gera eine begleitende Abendveranstaltung statt. Unter dem Titel „Verlorene Zeit. Mit der Heimerziehung war meine Kindheit zu Ende“ wurde zunächst ein 15-minütiger Film gezeigt. Er beleuchtet repressive Bedingungen der DDR-Heimerziehung und die Erfahrungen einer Frau, die als Jugendliche im Durchgangsheim Schmiedefeld Isolation und Gewalt erlebte.

 

Anschließend folgte ein Gespräch mit Expert:innen, die seit Jahren mit Betroffenen arbeiten. Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung in Thüringen. Die Veranstaltung richtete sich ausdrücklich auch an Betroffene, die besonders herzlich eingeladen waren.

Geschichte

Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst Thälmann“ in Gera

„Als ich 1978 ins kleine Durchgangsheim in Gera kam, war auch dies geschlossen, ein sehr kleines Gebäude. Alle Kinder waren dort in zwei Räumen untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung durch Sehschlitze in der Tür. Es gab kein Tageslicht, nur Glasbausteine und da waren auch zwei Arrestzellen.“

Anfänge und Standortwechsel

1949 wird das Durchgangsheim Gera in einem alten Patrizierhaus in der Greizer Straße 23 eröffnet. Zuvor war das Haus ein Waisenhaus.

In den 1950er Jahren werden aufgegriffene Kinder und Jugendliche aus den Kreisen Jena, Stadtroda, Rudolstadt und Eisenberg in das Durchgangsheim gebracht, wenn die Behörden eine Gefährdung vermuten. In einigen Dokumenten wird das Heim als „Auffanglager Greizerstraße“ oder „Durchgangslager Gera“ bezeichnet. 

 

Der Zustand der Einrichtung ist zu dieser Zeit desolat: defekte Türen und Fenster, unhygienische Waschräume, Überbelegung; all diese Mängel sollen behoben werden. Trotz der hohen Auslastung ist in einem Teil des Gebäudes ein Lehrlingswohnheim geplant.

1953 investiert der Bezirk im Rahmen einer „Schandfleckaktion“ 20.000 DM in die Sanierung. Im Heim wird ein neuer „Kulturraum“ geschaffen. Zusätzliche Möbel, Gardinen und Tischdecken werden angeschafft, um die Räume wohnlicher zu gestalten. Einige Arbeiten übernehmen die Jugendwerkhöfe (JWH) im Bezirk: Jugendliche aus dem JWH Bad Köstritz führen Maurerarbeiten aus, Bad Klosterlausnitz übernimmt Zimmererarbeiten, Hummelshain liefert neue Möbel.

 

Dennoch bleibt die Wohnsituation problematisch. Deshalb verlegt man das Heim 1961 in das Gebäude einer ehemaligen Fabrikantenvilla in der Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße). Die Villa nutzt man zweigeteilt: Im Haupthaus betreut man „Waisen und pädagogisch vernachlässigte“ Jugendliche, während sich im Seitenflügel und in der Remise vermutlich das Durchgangsheim befindet. Dort sind die Fenster vergittert, und die Räume bleiben beengt. Auch organisatorisch trennt man beide Bereiche deutlich. In der Küche kocht man beispielsweise zweimal täglich – einmal für die Jugendlichen des Wohnheims und einmal für die Jugendlichen des Durchgangsheims.

Kapazitäten und Belegung

Durchgängige Belegungszahlen sind nicht überliefert. Mitte der 1960er Jahre hat das Durchgangsheim jedoch etwa 30 Plätze, während im Jugendwohnheim dauerhaft über 70 Jugendliche leben, teilweise in großen Schlafsälen. Für die 1970er Jahre nennt man insgesamt 112 Plätze (80 im Jugendwohnheim, 32 im Durchgangsheim). Jährlich durchlaufen 700 bis 800 Jugendliche die Einrichtung.

 

Nutzung nach 1990

Auch nach 1990 nutzt man die Villa weiter als Heimeinrichtung. Allerdings reduziert man die Belegung deutlich, und man entfernt Fenstergitter im Nebenhaus. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten leben 1998 nur noch 28 Jugendliche in der Einrichtung. Träger des heutigen Jugendwohnheims in der Berliner Straße 138 ist der Internationale Bund (IB).

Vom 15. Oktober bis zum 11. November 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar (DNT) anlässlich des 35. Jahrestages der Friedlichen Revolutionund ergänzte die künstlerische Auseinandersetzung DNT mit dem Thema repressive DDR-Heimerziehung.

 

Auf die Arbeit der Gedenkstätte wurde das DNT im Zuge der Recherche für die Produktion „Jenseits der Blauen Grenze“ aufmerksam. Die Inszenierung basiert auf dem Jugendroman von Dorit Linke. Auch in Thomas Freyers Stück „dumme Jahre“ spielt das Thema eine zentrale Rolle: Eine Figur verarbeitet traumatische Erfahrungen aus Durchgangs- und Spezialkinderheimen – und macht sichtbar, wie tief diese Erlebnisse nachwirken.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. Oktober – 11. November 2024
Öffnungszeiten: Freitag bis Dienstag sowie an Feiertagen, 13–18 Uhr
Standort: Stéphane-Hessel-Platz, 99423 Weimar

 

Der Eintritt ist frei.

02.11.–13.11. | Theaterprogramm in Begleitung der »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG«

Im Zeitraum vom 2. bis 13. November 2024 begleitet die »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« das Theaterprogramm des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Im Zentrum stehen die Produktionen »dumme Jahre« von Thomas Freyer und »Jenseits der Blauen Grenze« nach dem Jugendroman von Dorit Linke. Die Aufführungen und begleitenden Formate greifen das Thema repressive DDR-Heimerziehung auf und schaffen Räume für Austausch und Reflexion.

  • 02.11. / 19:30 Uhr – Vorstellung »dumme Jahre« – Im Anschluss Nachgespräch zum Thema „Repressive DDR-Heimerziehung“ mit Zeitzeug:innen

  • 05.11. / 19:00 Uhr – Wiederaufnahme »Jenseits der Blauen Grenze«

  • 06.11. / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«

  • 13.11.  / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 
Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

 

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 

HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim.

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

Vom 10. September bis zum 14. Oktober 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG auf dem Gelände des Informations- und Begegnungszentrums (IBZ) Königsheide in Berlin zu sehen. In Kooperation mit dem IBZ gastierte das mobile Denkzeichen am Ort des ehemals größten Kinderheims der DDR und setzte damit einen Impuls für die Auseinandersetzung mit der Geschichte repressiver Heimerziehung.

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 10. September – 14. Oktober 2024

Öffnungszeiten:

Dienstag: 11 bis 15 Uhr
Mittwoch: 10 bis 17 Uhr 
Donnerstag: 10 bis 19 Uhr 

sowie am  Samstag den 21.09. und 5.10. von 10 bis 18 Uhr.

Ausstellungsort: IBZ – Informations- und Begegnungszentrum Königsheide, Südostallee 146 | Parkplatz, 12487 Berlin

 

Der Eintritt ist frei.

12.10. | 15 Uhr Abschlussveranstaltung

Zum Ende der Station fand am 12. Oktober 2024 um 15 Uhr eine Abschlussveranstaltung statt, die von einem Zeitzeugengespräch begleitet wurde.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der begleitenden Website www.blackbox-heimerziehung.de

Geschichte

Kinderheim „A.S. Makarenko“ Berlin-Johannisthal

Das größte Kinderheim der DDR wird 1953 in der Königsheide eröffnet und ist von Beginn an ein Prestigeobjekt des sozialistischen Staates. Das Heim bietet Platz für bis zu 600 Kinder und Jugendliche. Eine eigene Säuglings- und Kleinkinderstation ermöglicht die Aufnahme aller Altersgruppen. Das Areal wird bis zum Ende der 1960er Jahre sukzessive erweitert: Neben einer zweiten Schule kommen u.a. eine Freilichtbühne, ein Schwimmbecken und ein heimeigener Zoo hinzu.

 

In Größe und Ausstattung ist die seit 1968 nach dem Sowjetpädagogen A. S. Makarenko benannte Vorzeigeeinrichtung alles andere als repräsentativ für die landesweite Realität in Heimen der DDR. Trotzdem ist auch der pädagogische Alltag in der Königsheide geprägt vom üblichen Leitgedanken sozialistischer Kollektiverziehung.

 

Bis zu seiner Schließung im Jahr 1998 werden mehr als 16.600 Minderjährige in dieser Einrichtung untergebracht. Seit 2008 engagiert sich der Verein „Königsheider Eichhörnchen“ für die Aufarbeitung der Geschichte des größten DDR-Kinderheimes. Das Informations- und Begegnungszentrum (IBZ) Königsheide bietet seit 2018 eine Möglichkeit zur Erinnerung und Auseinandersetzung am historischen Ort.

„A.S. Makarenko“ Children’s Home Berlin-Johannisthal

The largest children’s home in the GDR was opened in Königsheide in 1953 and was a prestige project of the socialist state from the outset. The home had a capacity of 600 children and juveniles. Its own ward for infants and small children enabled it to accept all age groups. The grounds were gradually extended until the late 1960s: in addition to a second school, they included an open-air stage, a swimming pool, and the home’s own zoo.

 

Named after the Soviet pedagogue A. S. Makarenko in 1968, the facility’s size and equipment were by no means typical of the reality in homes throughout the GDR. Nevertheless, daily educational life in Königsheide was defined by the typical guiding principles of socialist collective education.

 

By the time it closed in 1998, the facility had accommodated over 16,600 minors. Since 2008, the association “Königsheider Eichhörnchen” has been researching the history of the GDR’s largest children’s home. Since 2013, the information and meeting centre (IBZ) Königsheide has provided a place to remember and engage with the historical location.

Vom 18. Juni bis zum 8. September 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Marienborn auf dem Gelände der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn zu sehen. In Kooperation mit der Gedenkstätte informierte das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau am historischen Ort des ehemaligen größten DDR-Grenzübergangs über die Geschichte der repressiven Heimerziehung in der DDR.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 18.06.–08.09.2024
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 17 Uhr
Ausstellungsort: Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, Autobahn 2, 39365 Harbke


Der Eintritt ist frei.

08.09. | 15 Uhr Finissage (Tag des offenen Denkmals)

Am 8. September 2024 endete die Station Marienborn mit einer Abschlussveranstaltung am Tag des offenen Denkmals unter dem Motto „Wahr-Zeichen. Zeitzeugen der Geschichte“. Um 15 Uhr fand ein Zeitzeuginnengespräch mit einer Betroffenen der repressiven DDR-Heimerziehung statt.

 

Moderation: Manuela Rummel (Gedenkstätte GJWH Torgau)

 

Ort: Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, Hauptgebäude (Besucherzentrum), 1. OG, Autobahn 2, 39365 Harbke

 

Programm 

  • 10:30 Uhr Vortrag „Kontrolle, Befestigung, Representation: Der Bau der Grenzübergangsstelle Marienborn“ Dr. Felix Ludwig
  • 11:00 Uhr Sonderführung durch die Tunnel
  • 13:00–17:00 Uhr Exklusive Einblicke in die Trafo-Station der ehemaligen GÜSt Marienborn
  • 14:15 Uhr Führung zu historischen Militärfahrzeugen
  • 15:00 Uhr Finissage BLACKBOX HEIMERZIEHUNG: Zeitzeuginnengespräch
  • 16:15 Uhr Sonderführung durch die Tunnel

Hinweis: Während der Standzeit verzeichnete die Ausstellung am Standort Marienborn bereits 19.260 Besucher:innen und damit einen Besucherrekord.

Geschichte

 Jugendwerkhof Burg

Der Jugendwerkhof „August-Bebel“ in Burg in Sachsen-Anhalt wurde 1949 in einer ehemaligen Landeserziehungsanstalt auf dem Gut Lüben eingerichtet. Mit 360 Insassen, etwa ein Drittel Jungen und zwei Drittel Mädchen, entwickelte er sich zum größten Jugendwerkhof der DDR – die Einrichtung war ein Massenbetrieb. Erst Mitte der 1980er Jahre wurde sie verkleinert. 

Auffällig an dem Jugendwerkhof ist die große Zahl der Jugendlichen, die einen Fluchtversuch unternahmen. So versuchten 211 Jugendliche im Jahre 1962 zu entkommen. Ende der 1970er Jahre dauerte der Aufenthalt in dem Heim für die meisten Jugendlichen bis zu einem Jahr. Es gab aber auch etliche Jugendliche, die drei und mehr Jahre in dem Jugendwerkhof verbringen mussten – manche bis zu sieben Jahren und länger.

Viele Jugendliche arbeiteten als billige, dringend benötigte Arbeitskräfte in den Betrieben der Umgebung, beispielsweise in dem VEB Knäcke-Werke Burg. Wie überall in den Jugendwerkhöfen erhielten die Jugendlichen nur Teilausbildungen, die Jungen beispielsweise in der Schuhfabrik „Roter Stern“ in Burg, die Mädchen zum Beispiel im Werk Burg des VEB Volltuchwerke Crimmitschau. Mit diesen Teilausbildungen waren die Jugendlichen kaum für den Arbeitsmarkt qualifiziert. Ein interner Bericht kritisierte 1981 zudem die schlechte Qualität der Berufsausbildung in zwei Betrieben, weil die Jugendlichen vor allem zu Hilfsarbeiten eingesetzt würden. 

Vom 30. April bis zum 13. Juni 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Erfurt in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit DENKOrte, dem Gesprächskreis Betroffene der DDR-Heimerziehung, der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße sowie dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte Matthias Domaschk.

 

In der thüringischen Landeshauptstadt erinnerte die Ausstellung zudem an das 1963 eingerichtete Durchgangsheim Erfurt in der Winzergasse 21.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 30. April – 13. Juni 2024

Öffnungszeiten:
Dienstag: 12 bis 20 Uhr
Mittwoch: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 12 bis 20 Uhr
Freitag: 10 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr

Ausstellungsort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Der Eintritt ist frei.

13.06. | 18 Uhr Finissage | Buch im Kubus: Manfred May »edition H«

Ort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Zur  feierlichen Abschlussveranstaltung am 13. Juni 2024 um 18 Uhr las Manfred May aus seiner Publikationsreihe „edition H“, die Selbstzeugnisse und Quellen zur repressiven DDR-Heimerziehung versammelt.

 

Manfred May war viele Jahre Ansprechpartner für ehemalige DDR-Heimkinder in Thüringen. May ist Künstler, seine Ausstellungen 2014 und 2018 in der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße waren inspiriert von sehr persönlichen Gaben Betroffener und bedrückenden Funden in Archiven.

 

Vor der Lesung wird der Dokumentarfilm »Verlorene Zeit« des Jenaer Filmemachers Torsten Eckold und der Historikerin Stefanie Falkenberg über das Durchgangsheim Schmiedefeld gezeigt.

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 

Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 
HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim. 

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

BLACKBOX HEIMERZIEHUNG in Gera

Nach dem Kinder- und Jugendhilfetag in Leipzig ist die Wanderausstellung BLACKBOX HEIMERZIEHUNG ab dem 19. Mai wieder in Gera zu sehen. Bis zum 24. Juni 2025 steht der Ausstellungscontainer vor dem Theater Altenburg Gera.

🕙 Öffnungszeiten:

Montag bis Freitag: 10–18 Uhr
Samstag: 10–17 Uhr
Eintritt frei


 

Film & Podium am 4. Juni: „Verlorene Zeit“

 

Wir laden herzlich ein zur begleitenden Veranstaltung:

📅 Dienstag, 4. Juni 2025, 18 Uhr

📍 Chorsaal des Theaters Altenburg Gera

Zum Auftakt: ein 15-minütiger Film über die repressiven Bedingungen der DDR-Heimerziehung und die persönlichen Erfahrungen einer Frau, die als Jugendliche im Durchgangsheim Schmiedefeld Isolation und Gewalt erlebte.
Anschließend: Gespräch mit Expert:innen, die seit Jahren mit Betroffenen arbeiten. Thema ist die Aufarbeitung von DDR-Heimerziehung in Thüringen.

 

Die Veranstaltung richtet sich ausdrücklich auch an Betroffene, die wir besonders herzlich willkommen heißen.

Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst Thälmann“ in Gera

„Als ich 1978 ins kleine Durchgangsheim in Gera kam, war auch dies geschlossen, ein sehr kleines Gebäude. Alle Kinder waren dort in zwei Räumen untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung durch Sehschlitze in der Tür. Es gab kein Tageslicht, nur Glasbausteine und da waren auch zwei Arrestzellen.“

1949 wird das Durchgangsheim Gera in einem alten Patrizierhaus in der Greizer Straße 23 eröffnet. Zuvor war das Haus ein Waisenhaus.

 

In den 1950er Jahren werden aufgegriffene Kinder und Jugendliche aus den Kreisen Jena, Stadtroda, Rudolstadt und Eisenberg in das Durchgangsheim gebracht, wenn die Behörden eine Gefährdung vermuten. In einigen Dokumenten wird das Heim als „Auffanglager Greizerstraße“ oder „Durchgangslager Gera“ bezeichnet. 

Das Durchgangsheim in der Greizer Straße 23, Gebäude um 1980.

Der Zustand der Einrichtung ist zu dieser Zeit desolat: defekte Türen und Fenster, unhygienische Waschräume, Überbelegung; all diese Mängel sollen behoben werden. Trotz der hohen Auslastung ist in einem Teil des Gebäudes ein Lehrlingswohnheim geplant.

 

1953 investiert der Bezirk im Rahmen einer „Schandfleckaktion“ 20.000 DM in die Sanierung. Im Heim wird ein neuer „Kulturraum“ geschaffen. Zusätzliche Möbel, Gardinen und Tischdecken werden angeschafft, um die Räume wohnlicher zu gestalten. Einige Arbeiten übernehmen die Jugendwerkhöfe (JWH) im Bezirk: Jugendliche aus dem JWH Bad Köstritz führen Maurerarbeiten aus, Bad Klosterlausnitz übernimmt Zimmererarbeiten, Hummelshain liefert neue Möbel.

Die Wohnsituation bleibt trotz aller Bemühungen problematisch. Deshalb wird das Heim 1961 auf Drängen der Leitung verlegt. Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst-Thälmann“ zieht in das Gebäude einer ehemaligen Fabrikantenvilla in der Wilhelm-Pieck-Straße 138 um (heute Berliner Straße).

Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst-Thälmann“ in der Wilhelm-Pieck-Str. 138 (heute Berliner Straße), 1974.

Die Villa wird zweigeteilt genutzt: Im Haupthaus werden „Waisen und pädagogisch vernachlässigte“ Jugendliche betreut; im Seitenflügel und der Remise befindet sich vermutlich das Durchgangsheim – die Fenster sind vergittert, die Räumlichkeiten beengt. Die Abläufe in beiden Einrichtungen werden voneinander getrennt.

 

Es gibt keine durchgängigen Belegungszahlen für die Einrichtung, aber das Durchgangsheim hatte Mitte der 1960er Jahre etwa 30 Plätze. Im Jugendwohnheim lebten ständig über 70 Jugendliche. Für die 1970er Jahre werden insgesamt 112 Plätze angegeben, 80 davon für das Jugendwohnheim und 32 für das Durchgangsheim. Jährlich durchlaufen 700 bis 800 Jugendliche die Einrichtung.

Auch nach dem Mauerfall wird die Villa als Heimeinrichtung genutzt. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten im Jahr 1998 leben nur noch 28 Jugendliche in der Einrichtung.

 

Träger des heutigen Jugendwohnheims in der Villa Berliner Straße 138 ist der Internationale Bund (IB).

Die Inhalte folgen in Kürze.

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