Zeitzeugen gesucht

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Zeitzeugen gesucht

Vom 02. Juni bis 12. Juli 2026 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG in Hildesheim zu sehen. In Kooperation mit der Kirchengemeinde St. Lamberti  und der Forschungsgruppe Jugendhilfe in der DDR an der Universität Hildesheim lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 02. Juni – 12. Juli 2026

Öffnungszeiten: täglich 09:00 bis 17:00 Uhr

Ausstellungsort: Neustädter Markt 26, 31134 Hildesheim

Der Eintritt ist frei.

02.06.2026 | Eröffnung

Ort: Auf dem Vorplatz der Kirche St. Lamberti
Uhrzeit: 17:00-18:30 Uhr

 

Die Veranstalter*innen laden herzlich zur Eröffnung der Wanderausstellung ein. Neben Grußworten wird es eine Einführung in die Ausstellung und anschließend die Möglichkeit geben, sich die Ausstellung anzuschauen. 

Grußworte:
Peter Noß-Kolbe (Pastor der Kirchengemeinde St. Lamberti)
Dr. Carolin Ehlke (Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim, Forschungsgruppe Jugendhilfe in der DDR)
Simone Flohr (SPD-Kreistagsabgeordnete und Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses Landkreis Hildesheim)
Prof. Dr. Wolfgang Schröer (Professor an der Universität Hildesheim, Forschungsgruppe Jugendhilfe in der DDR)
Hannes Schneider (Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau)

FÄLLT LEIDER AUS! 11.06.2026 | Gespräch mit einer Zeitzeugin der DDR-Heimerziehung

Die Verantaltung muss leider abgesagt werden!

 

Ort: Saal der Kirchengemeinde St. Lamberti

Uhrzeit: 17:00 – 18:30 Uhr 

Wir laden Sie zum moderierten Gespräch mit der Zeitzeugin Silke K. ein. Sie ist Betroffene der DDR-Heimerziehung und berichtet seit Jahren über ihre Erfahrungen im Rahmen der Bildungsarbeit der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau.

17.06.2026 | Vortrag “Deutungskämpfe um Kindheit und das Kinderbetreuungssystem in der DDR”

Ort: Saal der Kirchengemeinde St. Lamberti
Uhrzeit: 17:00-18:30 Uhr
Referentin: Prof.’in Dr.’in Meike Sophia Baader 

 

Der Vortrag gibt einen Einblick in das Aufwachsen von Kindern in der DDR und nimmt das Verständnis von Kindheit in den Blick – ein bis heute umkämpftes Thema. Ein Schwerpunkt wird auf das Kinderbetreuungssystem – insbesondere Krippen – gelegt.

25.06.2026 | Filmabend und Diskussion


Uhrzeit: 17:00-18:30 Uhr

weitere Informationen folgen…

02.07.2026 | Vortrag “Aufarbeitung der Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe Ost/West”

Ort: Saal der Kirchengemeinde St. Lamberti
Uhrzeit: 17:00-18:30 Uhr

Referentinnen: Nastassia Böttcher, Dr.’in Carolin Ehlke, Dr.’in Carolin Oppermann, PD Dr.’in Julia Schröder

Seit 2010 gelangen die Missstände in unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungseinrichtungen in Ost und West vermehrt in die Öffentlichkeit. Das Sichtbarwerden von Leid- und Gewalterfahrungen wurde erst durch die vielzähligen Berichte von Betroffenen möglich. Die Ermöglichung von Gewalt in diesen Einrichtungen wird seitdem in unterschiedlichen Forschungsprojekten und vor allem durch die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs rekonstruiert und sichtbar gemacht. Der Vortrag gibt einen Einblick in den aktuellen Stand der Aufarbeitungsforschung in Ost und West. Darin soll deutlich gemacht werden, warum die Beteiligung von und die Perspektiven der Betroffenen selbst den Maßstab der unterschiedlichen Aufarbeitungen darstellt. 

07.07.2026 | Vortrag “Schutz für junge Menschen – keine Selbstverständlichkeit. Einblicke in die Arbeit von NOVA, der Ombudstelle für die Kinder- und Jugendhilfe in Hildesheim” 

Ort: Saal der Kirchengemeinde St. Lamberti
Uhrzeit: 17:00-18:30 Uhr

Referentinnen: Dr.’in Tanja Rusack, PD Dr.’in Severine Thomas

Der Vortrag richtet den Blick auf die Gegenwart. Er zeigt auf, wie wichtig das Thema Schutz und Schutzkonzepte in der Kinder- und Jugendhilfe ist, um die Verletzung der persönlichen Rechte und damit zusammenhängende Gewalterfahrungen von jungen Menschen zu verhindern. Ein Aspekt des Schutzes der jungen Menschen sind externe Anlaufstellen in Form sog. Ombudstellen. In Hildesheim gibt es die Ombudstelle NOVA, deren wichtige Arbeit bei dem Vortrag vorgestellt wird.

Vom 15. April bis 22. Mai 2026 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG in Auerbach/Vogtland zu sehen. In Kooperation mit dem Gemeinnützigen Schulungszentrum für Sozialwesen lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.

Die Ausstellung setzt einen wichtigen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Im Mittelpunkt der Station stehen zwei regionale Orte: das ehemalige Spezialkinderheim „Friedenswacht“ in Triebel sowie der Jugendwerkhof „Schloss Voigtsberg“ in Oelsnitz/Vogtland. Die Ausstellung knüpft damit an lokale Geschichte an, erinnert an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder und lädt zum Austausch ein.

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. April – 22. Mai 2026

Öffnungszeiten: Mo-Do: 08:00 bis 15:00 Uhr; Fr: 08 bis 13:00 Uhr

Ausstellungsort: Gemeinnütziges Schulungszentrum für Sozialwesen, Stauffenbergstr. 19, 08209 Auerbach/Vogtland  (Außenbereich vor dem Schulgelände)

Der Eintritt ist frei.

15.04.2026 | Eröffnung

Am 15. April 2026 um 11:00 Uhr wird die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG eröffnet. Es wird eine Einführung in die Ausstellung durch einen Mitarbeiter der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof geben.

Geschichte

Spezialkinderheim „Friedenswacht“
Triebel

1951 eröffnet in Triebel das Kindererziehungsheim „Friedenswacht“. Bereits 1952/1953 erfolgt die Umstrukturierung zum Spezialkinderheim. Insgesamt bietet die Einrichtung Platz für bis zu 45 Jungen im Alter von 6 bis 14 Jahren. 1968 wird das Heim schließlich aufgelöst. In den folgenden Jahrzehnten nutzt das Ministerium für Staatssicherheit den Gebäudekomplex als Kinderferienlager. Heute befindet sich dort ein buddhistisches Meditationszentrum.

“Friedenswacht” special children’s home Triebel

The “Friedenswacht” children’s educational home opens in Triebel in 1951. Shortly afterwards, it is restructured into a special children’s home (1952/1953) with a capacity of 45 boys aged 6 to 14. The facility is eventually closed in 1968. In the following decades, the Ministry of State Security uses the building complex as a children’s holiday camp. Today, it houses a Buddhist meditation centre.

Jugendwerkhof „Schloss Voigtsberg“
Oelsnitz/ Vogtland

Nach dem Zweiten Weltkrieg dient Schloss Voigtsberg zunächst als Flüchtlingsunterkunft. 1952 richtet die DDR hier einen Jugendwerkhof ein. Er bietet Platz für 140 Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Ab 1957 ordnet man den Jugendwerkhof dem Typ C „Hilfsschüler“ zu. Die Jugendlichen besuchen eine heiminterne „Hilfsschule“, die nur ein eingeschränktes Bildungsniveau vorsieht. Außerdem erfolgen Arbeitseinsätze u. a. in der Rinderzucht Geilsdorf, der Baumwollspinnerei Lengenfeld und im Teppichwerk Oelsnitz. Ende 1961 wird der Jugendwerkhof aufgelöst: Die Jugendlichen werden entlassen oder in anderen Heimen untergebracht. Nachweislich kommen 40 Jugendliche vorübergehend in den Jugendwerkhof Antonsthal, bis das Spezialkinderheim Meerane fertiggestellt ist.

“Schloss Voigtsberg” juvenile workhouse, Oelsnitz/ Vogtland

After World War II, Schloss Voigtsberg is initially used to accommodate refugees. In 1952, a juvenile workhouse is established there. It provides space for 140 girls and boys aged 14 to 18. From 1957 onwards, it is assigned to the Type C category (“Hilfsschüler”). The youths attend the home’s internal special school (“Hilfsschule”), which teaches only to modest standards. In addition, labour assignments take place at locations including the Geilsdorf cattle farm, the Lengenfeld cotton mill and the Oelsnitz carpet factory. The juvenile workhouse is closed at the end of 1961. As a result, the youths are released or moved to other homes. There is evidence that 40 youths are temporarily accommodated at the Antonsthal juvenile workhouse until the completion of the Meerane special children’s home.

„Als ich 1978 ins kleine Durchgangsheim in Gera kam, war auch dies geschlossen, ein sehr kleines Gebäude. Alle Kinder waren dort in zwei Räumen untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung durch Sehschlitze in der Tür. Es gab kein Tageslicht, nur Glasbausteine und da waren auch zwei Arrestzellen.“

 

1949 wird das Durchgangsheim Gera in einem alten Patrizierhaus in der Greizer Straße 23 eröffnet. Zuvor war das Haus ein Waisenhaus.

In den 1950er Jahren werden aufgegriffene Kinder und Jugendliche aus den Kreisen Jena, Stadtroda, Rudolstadt und Eisenberg in das Durchgangsheim gebracht, wenn die Behörden eine Gefährdung vermuten. In einigen Dokumenten wird das Heim als „Auffanglager Greizerstraße“ oder „Durchgangslager Gera“ bezeichnet. 

 

Der Zustand der Einrichtung ist zu dieser Zeit desolat: defekte Türen und Fenster, unhygienische Waschräume, Überbelegung; all diese Mängel sollen behoben werden. Trotz der hohen Auslastung ist in einem Teil des Gebäudes ein Lehrlingswohnheim geplant.

1953 investiert der Bezirk im Rahmen einer „Schandfleckaktion“ 20.000 DM in die Sanierung. Im Heim wird ein neuer „Kulturraum“ geschaffen. Zusätzliche Möbel, Gardinen und Tischdecken werden angeschafft, um die Räume wohnlicher zu gestalten. Einige Arbeiten übernehmen die Jugendwerkhöfe (JWH) im Bezirk: Jugendliche aus dem JWH Bad Köstritz führen Maurerarbeiten aus, Bad Klosterlausnitz übernimmt Zimmererarbeiten, Hummelshain liefert neue Möbel.

 

Die Wohnsituation bleibt trotz aller Bemühungen problematisch. Deshalb wird das Heim 1961 auf Drängen der Leitung verlegt. Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst-Thälmann“ zieht in das Gebäude einer ehemaligen Fabrikantenvilla in der Wilhelm-Pieck-Straße 138 um (heute Berliner Straße).

 

Die Villa wird zweigeteilt genutzt: Im Haupthaus werden „Waisen und pädagogisch vernachlässigte“ Jugendliche betreut; im Seitenflügel und der Remise befindet sich vermutlich das Durchgangsheim – die Fenster sind vergittert, die Räumlichkeiten beengt. Die Abläufe in beiden Einrichtungen werden voneinander getrennt.

 

Es gibt keine durchgängigen Belegungszahlen für die Einrichtung, aber das Durchgangsheim hatte Mitte der 1960er Jahre etwa 30 Plätze. Im Jugendwohnheim lebten ständig über 70 Jugendliche. Für die 1970er Jahre werden insgesamt 112 Plätze angegeben, 80 davon für das Jugendwohnheim und 32 für das Durchgangsheim. Jährlich durchlaufen 700 bis 800 Jugendliche die Einrichtung.

 

Auch nach dem Mauerfall wird die Villa als Heimeinrichtung genutzt. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten im Jahr 1998 leben insgesamt nur noch 28 Jugendliche in der Einrichtung.

 

Träger des heutigen Jugendwohnheims in der Villa Berliner Straße 138 ist der Internationale Bund (IB).

 

Das Durchgangsheim in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)       

Bereits 1951 existiert in Chemnitz ein Aufnahmeheim für Kinder von drei bis vierzehn Jahren. Im Jahr 1956 wird ein Durchgangsheim auf dem Gelände eines Jugendwohnheims in der Bernsdorfer Straße erwähnt. Es hat etwa 17 Plätze für männliche Jugendliche, die in der Gärtnerei und Landwirtschaft der Einrichtung arbeiten.

Im Jahr 1962 erscheint das Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt dann mit der Anschrift Kaßbergstraße 32 und hat zunächst 45 Plätze. Es nimmt Minderjährige ab drei Jahren auf, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Bis 1965 reduziert sich die Anzahl der Plätze auf 25 im Jahr 1963. Im Jahr 1976 sind insgesamt 911 Aufnahmen verzeichnet, wobei die meisten Kinder nur wenige Tage in der Einrichtung bleiben. Von hier aus werden sie entweder in ihr Elternhaus (301), ihr vorheriges Heim (276) oder in ein anderes Heim (309) gebracht. 99 Kinder müssen auf einen Heimplatz warten, teilweise bis zu drei Monate oder länger. Das verstößt auch gegen damalige Bestimmungen.

Das Heim beschäftigt 14 pädagogische und neun technische Mitarbeitende. Schulunterricht erfolgt jahrgangsübergreifend und lediglich stundenweise, was zu Lernrückständen führt. Freizeitangebote sind kaum vorhanden.

In der DDR ist Kinderarbeit bereits seit 1949 verboten, wird aber in den Spezialheimen der Jugendhilfe dennoch praktiziert. Die Disziplinierung durch Arbeit spielt als Methode eine zentrale Rolle. Ein Betroffener, der im Alter von 13 Jahren in das Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt eingewiesen wurde, erinnert sich an einen großen Werkraum. Dort musste er gemeinsam mit anderen Kindern etwa sechs Stunden täglich Kleinteile für die Motoren- und Automobilindustrie montieren. Diese Arbeit eignete sich besonders gut für Kinderhände. Es habe sich dabei um Normarbeit gehandelt. Die Norm durfte nicht unterschritten werden. Quelle

Wie alle Durchgangsheime verfügt auch das Durchgangsheim über eine Isolierzelle. Eine Betroffene, die 1969 dort war, erinnert sich an einen sehr kleinen, fensterlosen Raum, der nur mit einem Bett, einem Waschbecken und einem Eimer für die Notdurft ausgestattet war. Die Tür hatte demnach einen Spion. Das Essen wurde wie im Gefängnis durch eine Klappe gereicht.

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt.

Literatur

Das Mädchenheim in Klaffenbach (1947-1948)

Im Jahr 1947 wird im Wasserschloss Klaffenbach (Neukirchen) bei Chemnitz ein Mädchenheim eröffnet. Das Heim dient zunächst dem Zweck, „die Mädel – vor allem während der Zeit der Sicherungskuren zur Verhütung der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten – aus dem übrigen Volksleben auszuschließen und sie während dieser Zeit an ein regelmäßiges Arbeitsleben zu gewöhnen.“ Quelle
In der Nachkriegszeit sind Geschlechtskrankheiten und ihre Eindämmung ein Politikum. Die Verbreitung der Krankheiten wird vor allem alleinstehenden Frauen und weiblichen Personen ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz zugeschrieben.

Im Mädchenheim Klaffenbach sind in dieser Zeit Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis über 21 Jahren untergebracht (zehn über 18 Jahre und zehn unter 18 Jahre). Ihnen werden vor allem Attribute wie „ sittlich gefährdet“, oder „arbeitsscheu“ zugeschrieben.

In dieser Zeit hat das Heim den Charakter eines Arbeitshauses. Die Mädchen und Frauen verrichten körperlich schwere Arbeit in der Landwirtschaft und bewirtschaften die Gebäude der Anlage. Im Vordergrund steht ihre Arbeitsleistung. Für ihre Arbeit erhalten sie nicht einmal ein Taschengeld. Die Erträge fließen in den Erhalt der Einrichtung.

Die damals verantwortliche Erzieherin im Heim kritisiert die einseitige Ausrichtung und den Charakter der Einrichtung als Arbeitshaus. Sie setzt sich dafür ein, die körperlich schwere Arbeit um Schulunterricht und gemeinsame Freizeitangebote zu erweitern.

Für die Umsetzung ihrer Ansätze fehlt es im Heimalltag jedoch an allem – vor allem an Personal: Eine einzige Erzieherin muss sich werktags und an den Wochenenden rund um die Uhr um alle Abläufe im Heim kümmern. Angesichts eklatanter Mängel im Heim reicht die Erzieherin noch im selben Jahr die Kündigung ein. Keine zwei Jahre später erhält das Mädchenheim den Status eines Jugendwerkhofs. Quelle

 

Der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach (1949 bis 1990)

Das war ein Wasserschloss mit erheblichen baulichen Mängeln, die Fenster waren vergittert, die Türen wurden verschlossen, es gab Arrestzellen. Es herrschte harter Drill, viel Gewalt, gab harte Strafen, alles wurde im Kollektiv gemacht. Ich machte hier den Teilfacharbeiter in einem Metallberuf bei einer Firma außerhalb. Ich bekam dafür eine kleine Summe auf dem Sparbuch bei der Entlassung.“ 

Quelle

Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 erhält das Mädchenheim im Wasserschloss Klaffenbach den Status eines landwirtschaftlichen Jugendwerkhofs. Zum Jugendwerkhof gehört eine etwa 100 Hektar große landwirtschaftliche Nutzfläche.

Im Jahr 1951 hat die Einrichtung 50 Plätze für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Sie arbeiten in der Haus- und Landwirtschaft des Jugendwerkhofs. Die tägliche körperliche Arbeit ist auch weiterhin schwer und beginnt früh morgens. Die Ausstattung der Einrichtung ist karg und die Verpflegung bleibt unterhalb der Norm. 1957 zählt Klaffenbach zu den Jugendwerkhöfen mit den meisten registrierten Fluchten.

Neben dem Heimleiter sind in der Einrichtung 1951 vier Erzieherinnen und ein Erzieher beschäftigt. Außerdem gibt Angestellte für die Hauswirtschaft sowie Mitarbeitende für den landwirtschaftlichen Betrieb. Die ärztliche Betreuung der Jugendlichen erfolgt außerhalb der Einrichtung.

Auf dem Gelände befindet sich eine eigene Schule. Schon bei der Einweisung weisen die Mädchen große Lernrückstände auf. Im Jugendwerkhof werden sie in erster Linie auf die Arbeit in der Landwirtschaft vorbereitet. Die Lehrkraft unterrichtet zwei Gruppen wöchentlich jeweils zwölf Stunden nach dem Lehrplan der landwirtschaftlichen Berufsschule. Wie in allen Jugendwerkhöfen der DDR können sich die Mädchen lediglich zur Teilfacharbeiterin qualifizieren. Dadurch sind die spätere Berufswahl und er weitere Werdegang erheblich eingeschränkt.

Im Jugendwerkhof sind die Jugendlichen in sieben Zimmergruppen eingeteilt. Ein straffer Tagesablauf und eine strenge Heimordnung, die größten Wert auf Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit legt, strukturieren den Alltag. Neben der täglichen Arbeit gibt es monatliche Reinigungsarbeiten, wie das Scheuern des Parkettbodens, das Reinigen der Fenster und das Scheuern des Wäschebodens. Außerdem fallen Näh- und Reparaturarbeiten an. Zusätzlich gibt es organisierte Freizeitangebote wie Chor, Laienspiel und Sport. Frei verfügbare Zeit ist nicht vorgesehen. 

Das kulturelle Angebot ist am Parteiprogramm ausgerichtet. Gesellschaftliche Arbeit, Heimatverbundenheit und sportliche Leistung werden großgeschrieben. Es gibt eine Partei-Betriebsgruppe der SED, eine FDJ-Betriebsgruppe, eine DSF-Betriebsgruppe sowie eine Gewerkschaftsgruppe. Alle Gruppen nehmen an örtlichen Veranstaltungen teil. Hier werden die Mädchen aus dem Jugendwerkhof allerdings ausgegrenzt. Sie seien als „Erziehungsfälle” nicht mit „einwandfreien Jugendlichen” vergleichbar, was sich auch in der FDJ-Arbeit zeige.

Der Jugendwerkhof Klaffenbach erweitert im Laufe der Jahre beständig seine Kapazitäten. 1956 gibt es 66 Plätze, 1978 bereits 120 – nach wie vor ausschließlich für Mädchen.

Im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft werden die Mädchen allerdings weniger in der Feldarbeit und zunehmend als Arbeitskräfte in umliegenden Betrieben gebraucht. Sie arbeiten in der Geflügelzucht, der Speisefettherstellung, Elektromontage oder Zerspanung in Neukirchen, Karl-Marx-Stadt oder Brand-Erbisdorf.

Die Beschulung findet eher behelfsmäßig im Jugendwerkhof statt. Ausgebildetes Lehrpersonal ist schwer zu finden. Stellen bleiben unbesetzt. Die Spezialheime haben keinen guten Ruf. Die abgeschiedene Lage und die langen Schichten machen die Heime als Arbeitsort unattraktiv.

In einer Eingabe aus dem Jahr 1973 wird von Klagen einiger Mädchen über die Zustände im Jugendwerkhof berichtet. Sie beschweren sich über Schläge und körperliche Misshandlungen durch das Erzieherpersonal, Gewalt untereinander sowie Arreststrafen in einer kalten Zelle. Der Ausgang der Beschwerde ist nicht bekannt. Quelle

Vor dem Mauerfall werden deutlich weniger Jugendliche in den Jugendwerkhof Klaffenbach eingewiesen Im März 1990 wird der Jugendwerkhof schließlich aufgelöst.

Zum Zeitpunkt der Schließung des Jugendwerkhofes befindet sich das Schloss in einem desolaten Bauzustand. Private Schmalfilmaufnahmen aus dem Filmarchiv Chemnitz von 1994 vermitteln einen Eindruck davon. Es wird aufwändig saniert und ist seit 1995 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. 

Archiv

Literatur

Vom 21. Oktober bis 24. November 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Chemnitz in der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 zu sehen. In Kooperation mit dem Beruflichen Schulzentrum (BSZ) für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.

 

Die Ausstellung setzt einen wichtigen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Im Mittelpunkt der Station stehen zwei regionale Orte: das ehemalige Durchgangsheim auf dem Kaßberg sowie der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach. Die Ausstellung knüpft damit an lokale Geschichte an, erinnert an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder und lädt zum Austausch ein.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 21. Oktober – 24. November 2025
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 09:00 bis 16:00 Uhr; Sonderöffnungen an Samstagen: 08:11 und 22.11.2025, jeweils 09:00 bis 15:00 Uhr

Ausstellungsort: Berufliches Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz (Außenbereich vor dem Schulgelände)

 

Der Eintritt ist frei.

22.11. | Tag der offenen Tür

Am 22. November 2025 findet von 9:30 bis 13:00 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. An diesem Vormittag lässt sich der Besuch der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG mit einem Einblick in den Schulstandort und weitere Angebote vor Ort verbinden.

Geschichte

Das Durchgangsheim in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)       

Entstehung und Funktion 

 Bereits 1951 existiert in Chemnitz ein Aufnahmeheim für Kinder von drei bis vierzehn Jahren. Im Jahr 1956 wird zudem ein Durchgangsheim auf dem Gelände eines Jugendwohnheims in der Bernsdorfer Straße erwähnt. Es hat etwa 17 Plätze für männliche Jugendliche, die in der Gärtnerei und Landwirtschaft der Einrichtung arbeiten.

 

Im Jahr 1962 erscheint das Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt dann mit der Anschrift Kaßbergstraße 32 und hat zunächst 45 Plätze. Es nimmt Minderjährige ab drei Jahren auf, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. In den Folgejahren reduziert sich die Platzanzahl: 1963 sind es 25 Plätze, und bis 1965 bleibt die Kapazität deutlich geringer als zu Beginn.

 

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.

 Aufnahmen, Verlegungen und Wartezeiten

 1976 sind insgesamt 911 Aufnahmen verzeichnet, wobei die meisten Kinder nur wenige Tage in der Einrichtung bleiben. Von hier aus werden sie entweder in ihr Elternhaus (301), ihr vorheriges Heim (276) oder in ein anderes Heim (309) gebracht. Gleichzeitig müssen 99 Kinder auf einen Heimplatz warten – teilweise bis zu drei Monate oder länger. Damit verstößt die Praxis sogar gegen damalige Bestimmungen.

Alltag und Arbeit 

Das Heim beschäftigt 14 pädagogische und neun technische Mitarbeitende. Dennoch erfolgt Schulunterricht jahrgangsüber-greifend und lediglich stundenweise, wodurch Lernrückstände entstehen. Freizeitangebote sind außerdem kaum vorhanden.

 

In der DDR ist Kinderarbeit bereits seit 1949 verboten, wird aber in den Spezialheimen der Jugendhilfe dennoch praktiziert. Die Disziplinierung durch Arbeit spielt als Methode eine zentrale Rolle. Ein Betroffener, der im Alter von 13 Jahren in das Durchgangs-heim Karl-Marx-Stadt eingewiesen wurde, erinnert sich an einen großen Werkraum. Dort musste er gemeinsam mit anderen Kindern etwa sechs Stunden täglich Kleinteile für die Motoren- und Automobilindustrie montieren. Diese Arbeit eignete sich besonders gut für Kinderhände. Es habe sich dabei um Normarbeit gehandelt. Die Norm durfte nicht unterschritten werden.

[Quelle]

 

Wie alle Durchgangsheime verfügt auch das Durchgangsheim über eine Isolierzelle. Eine Betroffene, die 1969 dort war, erinnert sich an einen sehr kleinen, fensterlosen Raum, der nur mit einem Bett, einem Waschbecken und einem Eimer für die Notdurft ausgestattet war. Die Tür hatte demnach einen Spion. Das Essen wurde wie im Gefängnis durch eine Klappe gereicht.

Schließung

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.

Vorschriftsmäßige Zelle in einem Durchgangsheim, 1987. Die Sicherheitsvorkehrungen lassen kaum an ein Kinderheim denken.
Auflösung der Bezirksdurchgangsheime. Schreiben und Anlage Minister für Volksbildung, Juni 1987. Angaben zum Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt.

Das Mädchenheim in Klaffenbach (1947-1948)

Gründung und Ziele 

Im Jahr 1947 wird im Wasserschloss Klaffenbach (Neukirchen) bei Chemnitz ein Mädchenheim eröffnet. Das Heim dient zunächst dem Zweck, „die Mädel – vor allem während der Zeit der Sicherungskuren zur Verhütung der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten – aus dem übrigen Volksleben auszuschließen und sie während dieser Zeit an ein regelmäßiges Arbeitsleben zu gewöhnen.“ [Quelle]

Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940, S.5.

In der Nachkriegszeit sind Geschlechtskrankheiten und ihre Eindämmung ein Politikum. Die Verbreitung der Krankheiten wird vor allem alleinstehenden Frauen und weiblichen Personen ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz zugeschrieben.

 

Alltag und Arbeit

Im Mädchenheim Klaffenbach sind in dieser Zeit Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis über 21 Jahren untergebracht (zehn über 18 Jahre und zehn unter 18 Jahre). Ihnen werden vor allem Attribute wie „ sittlich gefährdet“, oder „arbeitsscheu“ zugeschrieben.

 

In dieser Zeit hat das Heim den Charakter eines Arbeitshauses. Die Mädchen und Frauen verrichten körperlich schwere Arbeit in der Landwirtschaft und bewirtschaften die Gebäude der Anlage. Im Vordergrund steht ihre Arbeitsleistung. Für ihre Arbeit erhalten sie nicht einmal ein Taschengeld. Die Erträge fließen in den Erhalt der Einrichtung.

Die damals verantwortliche Erzieherin im Heim kritisiert die einseitige Ausrichtung und den Charakter der Einrichtung als Arbeitshaus. Sie setzt sich dafür ein, die körperlich schwere Arbeit um Schulunterricht und gemeinsame Freizeitangebote zu erweitern. Für die Umsetzung ihrer Ansätze fehlt es im Heimalltag jedoch an allem – vor allem an Personal: Eine einzige Erzieherin muss sich werktags und an den Wochenenden rund um die Uhr um alle Abläufe im Heim kümmern. Angesichts eklatanter Mängel im Heim reicht die Erzieherin noch im selben Jahr die Kündigung ein. Keine zwei Jahre später erhält das Mädchenheim den Status eines Jugendwerkhofs. [Quelle] Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940.

Der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach (1949 bis 1990)

Das war ein Wasserschloss mit erheblichen baulichen Mängeln, die Fenster waren vergittert, die Türen wurden verschlossen, es gab Arrestzellen. Es herrschte harter Drill, viel Gewalt, gab harte Strafen, alles wurde im Kollektiv gemacht. Ich machte hier den Teilfacharbeiter in einem Metallberuf bei einer Firma außerhalb. Ich bekam dafür eine kleine Summe auf dem Sparbuch bei der Entlassung.“

[Quelle] O-Ton Betroffene, Jugendwerkhof Klaffenbach von 1981-1983. Zitiert nach: Sack, Martin; Ebbinghaus, Ruth: Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung? In: Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Expertisen. Hrsg.: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Berlin März 2012, S. 334.

Gründung (ab 1949)

Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 erhält das vormalige Mädchenheim im Wasserschloss Klaffenbach den Status eines landwirtschaftlichen Jugendwerkhofs. Zur Einrichtung gehört eine etwa 100 Hektar große landwirtschaftliche Nutzfläche. 1951 verfügt der Jugendwerkhof über 50 Plätze für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die in Haus- und Landwirtschaft arbeiten. Die körperliche Arbeit beginnt früh, ist schwer und prägt den Tagesablauf. Ausstattung und Verpflegung bleiben karg bzw. unterhalb der Norm; 1957 zählt Klaffenbach zu den Jugendwerkhöfen mit den meisten registrierten Fluchten.

Schule, Heimordnung und ideologische Rahmung

Organisatorisch ist der Jugendwerkhof klar hierarchisch aufgestellt: Neben dem Heimleiter arbeiten 1951 vier Erzieherinnen und ein Erzieher, dazu kommen Angestellte für Hauswirtschaft und landwirtschaftlichen Betrieb. Die ärztliche Betreuung erfolgt außerhalb der Einrichtung. Auf dem Gelände befindet sich eine eigene Schule, doch die Mädchen bringen häufig Lernrückstände mit. Der Unterricht orientiert sich vor allem an der Vorbereitung auf landwirtschaftliche Arbeit: Eine Lehrkraft unterrichtet zwei Gruppen wöchentlich jeweils zwölf Stunden nach dem Lehrplan der landwirtschaftlichen Berufsschule. Wie in allen Jugendwerkhöfen können die Mädchen lediglich eine Teilfacharbeiterinnenqualifikation erreichen – mit deutlich eingeschränkten späteren Berufs- und Lebenswegen.

 

Der Alltag ist durch eine strenge Heimordnung geprägt. Die Mädchen sind in sieben Zimmergruppen eingeteilt; Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit gelten als zentrale Maßstäbe. Neben der täglichen Arbeit fallen regelmäßig Reinigungs-, Näh- und Reparaturarbeiten an. Freizeit ist nur in organisierter Form vorgesehen (z. B. Chor, Laienspiel, Sport). Gleichzeitig ist das kulturelle Angebot am Parteiprogramm ausgerichtet: Es bestehen u. a. eine SED-Betriebsgruppe, FDJ-Betriebsgruppe, DSF-Betriebsgruppe und Gewerkschaftsgruppe. An örtlichen Veranstaltungen nehmen diese Gruppen teil – die Mädchen aus dem Jugendwerkhof werden dabei jedoch ausgegrenzt und als „Erziehungsfälle“ von „einwandfreien Jugendlichen“ abgegrenzt.

Spätphase und Auflösung 1990

Der Jugendwerkhof Klaffenbach erweitert im Laufe der Jahre beständig seine Kapazitäten. 1956 gibt es 66 Plätze, 1978 bereits 120 – nach wie vor ausschließlich für Mädchen. Im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft werden die Mädchen allerdings weniger in der Feldarbeit und zunehmend als Arbeitskräfte in umliegenden Betrieben gebraucht. Sie arbeiten in der Geflügelzucht, der Speisefettherstellung, Elektromontage oder Zerspanung in Neukirchen, Karl-Marx-Stadt oder Brand-Erbisdorf. Die Beschulung findet eher behelfsmäßig im Jugendwerkhof statt. Ausgebildetes Lehrpersonal ist schwer zu finden. Stellen bleiben unbesetzt. Die Spezialheime haben keinen guten Ruf. Die abgeschiedene Lage und die langen Schichten machen die Heime als Arbeitsort unattraktiv.

 

In einer Eingabe aus dem Jahr 1973 wird von Klagen einiger Mädchen über die Zustände im Jugendwerkhof berichtet. Sie beschweren sich über Schläge und körperliche Misshandlungen durch das Erzieherpersonal, Gewalt untereinander sowie Arreststrafen in einer kalten Zelle. Der Ausgang der Beschwerde ist nicht bekannt. [Quelle]

Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz: StA-C, 30413 Bezirkstag/RdB Karl-Marx-Stadt: Schreiben an Bezirk Karl-Marx-Stadt, Abteilung Volksbildung, Referat Jugendhilfe, 6.4.1973.

Vor dem Mauerfall werden deutlich weniger Jugendliche in den Jugendwerkhof Klaffenbach eingewiesen Im März 1990 wird der Jugendwerkhof schließlich aufgelöst. Zum Zeitpunkt der Schließung des Jugendwerkhofes befindet sich das Schloss in einem desolaten Bauzustand. Private Schmalfilmaufnahmen aus dem Filmarchiv Chemnitz von 1994 vermitteln einen Eindruck davon.

Es wird aufwändig saniert und ist seit 1995 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. [Archiv]Bundesarchiv Berlin, Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz, Stadtarchiv Chemnitz, Filmarchiv Chemnitz  [Literatur]Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 182f.

„Die Zelle in Bramow, das war ′n Doppelstockbett aus Eisen. Unten war ′ne Holzpritsche drinne. Und an der Wand waren angeschraubt ein Tisch und zwei Hocker. Und dann eben ′ne richtige Stahltür. Und die Steine nach draußen hin, das waren richtige Glasbausteine, also, dass du nicht mehr rausgucken konntest.
Wenn da mal ein paar Ausreißer waren, kamen die zwischendurch mit rein. Dann haben wir da manchmal zu sechst dringesessen, in der Zweimannzelle. Dann mussten wir uns mit dem Schlafen abwechseln.“
O-Ton eines Betroffenen über den Einweisungsarrest im Durchgangsheim Rostock, Interview 2010.​

Das Durchgangsheim wird um 1951 in der Carl-Hopp-Straße 4 in Rostock-Bramow neben einem Hilfsschulheim eröffnet. Obwohl es nur acht Plätze hat, ist es in den 1960er Jahren zeitweise mit 35 Mädchen und Jungen belegt.  Jährlich durchlaufen bis zu 190 Minderjährige das Heim.

 

Die Schlafräume im Heim bleiben nachts verschlossen. Einen Notruf gibt es nicht. Auch tagsüber ist stundenweise kein Personal vor Ort, sodass die Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit ohne Aufsicht eingeschlossen sind. Prügelstrafen und andere ehrverletzende Strafen sind für die 1960er Jahre belegt.

 

Ende der 1980er Jahre wird das Durchgangsheim wahrscheinlich nach Rostock-Schmarl verlegt. Das Gebäude in der Carl-Hopp-Straße existiert heute nicht mehr.

 

 

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: Willy Schröder) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet.

 

In den 1960er Jahren hat der Jugendwerkhof rund 130 Plätze mit Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow.

 

Im Mai 1962 wird der Einrichtung zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch sind Teil des Alltags im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit und fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte sind belegt. Taschengeld wird unterschlagen. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht.

 

Der Jugendwerkhof wird 1990 aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Vom 15. Juli bis zum 22. August 2025 waren in Rostock gleich zwei Wanderausstellungen zu sehen, die sich mit repressiven Maßnahmen der SED-Diktatur auseinandersetzen. Die „BLACKBOX HEIMERZIEHUNG“ thematisiert das repressive DDR-Heimsystem und „Einweisungsgrund: Herumtreiberei“ beleuchtet die Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Stationen. Gezeigt werden beide Ausstellungen zunächst in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Untersuchungs-haftanstalt (DuG) Rostock. Die Präsentation  beider Ausstellungen  und der Veranstaltungsreihe „Ich will nicht hinter Gittern
leben“ erfolgte in Kooperation mit der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock, dem Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und der Hanse- und Universitätsstadt Rostock.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. Juli – 22. August 2025
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 10–15 Uhr, sowie nach Anmeldung
Ausstellungsort: Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock (DuG), Grüner Weg 5, 18055 Rostock

 

Der Eintritt ist frei.

BLACKBOX HEIMERZIEHUNG

Die Wanderausstellung BLACKBOX HEIMERZIEHUNG der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau gastiert an historischen Orten der DDR-Heimerziehung und klärt im Innen- und Außenbereich eines umgebauten Seecontainers über die Geschichte des repressiven DDR-
Heimsystems auf. Seit 2022 ermöglichte die Ausstellung bereits an 21 verschiedenen Standorten die Auseinandersetzung mit einem Teil der DDR-Geschichte, der vielerorts bereits in Vergessenheit geraten ist. Am neuen Standort wird die Geschichte des Durchgangsheims in Rostock-Bramow
(1951–Ende der 1980er Jahre) und des Jugendwerkhofs Rühn (1950–1990) beleuchtet.

 

Website: www.blackbox-heimerziehung.de
Instagram: @ddr_heimerziehung_aufarbeiten

Einweisungsgrund: Herumtreiberei

Die Wanderausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Gedenkstätte GJWH Torgau und des Vereins Riebeckstraße 63 e.V. Im Fokus steht die Umerziehung in den Geschlossenen Venerologischen Stationen, in denen systematisch sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde. Betroffen waren vor allem Mädchen und Frauen, deren Verhalten von den sozialistischen Idealen der Arbeitsdisziplin, des partnerschaftlichen Zusammenlebens oder der Staatstreue abwich. Ein Schwerpunkt liegt auf der
Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Station in Rostock (1955–1979).

 

Website: www.einweisungsgrund-herumtreiberei.de
Instagram: @einweisungsgrundherumtreiberei

15.07. | 17 Uhr Ausstellungseröffnung

Den Auftakt bildet die feierliche Ausstellungseröffnung am Dienstag, 15. Juli 2025, um 17 Uhr in der DuG Rostock. Grußworte und Beiträge geben Einblicke in die Anliegen der Aufarbeitung und führen in die Ausstellungen ein. Anschließend finden Rundgänge durch die Ausstellungen statt.

 

Programm

  • Beiträge von Cathleen Mendle-Annuschkewitz (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rostock)

  • Dr. Steffi Brüning (Leiterin der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock)

  • Dr. Lars Tschirschwitz (Stellv. Landesbeauftragter für MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)

  • Anschließend Ausstellungsrundgänge mit Hannes Schneider (Gedenkstätte GJWH Torgau)

Ab 15.07 | Veranstaltungsreihe „Ich will nicht hinter Gittern leben“ 

Begleitend zur Rostocker Station findet eine Veranstaltungsreihe mit Gesprächen, Filmvorführung, Beratungsangeboten und einem Workshop statt.

 

  • 22.07. | 18 Uhr Betroffenengespräch (DuG) – Gespräch mit zwei Betroffenen der repressiven DDR-Heimerziehung bzw. Venerologischen Stationen. Begrüßung: Burkhard Bley. Moderation: Juliane Weiß.
  • 29.07. | 19 Uhr Film & Gespräch – „Trauma ‚Tripperburg‘ – Gewalt gegen Frauen in der DDR“ (Dokumentarfilm, 2023) mit anschließendem Gespräch. Ort: Lichtspieltheater Wundervoll, Frieda 23, 18057 Rostock.
  • 05.08. | 13–17 Uhr Beratungsnachmittag für Betroffene (DuG) – mit Mareen Joachim und dem Stasi-Unterlagen-Archiv. Anmeldung: post@lamv.mv-regierung.de 
  • 12.08. | 16–17:30 Uhr Erzählcafé – für betroffene Frauen der Geschlossenen Venerologischen Stationen (auch Angehörige und Interessierte willkommen). Ort: Rathaus-Anbau, Beratungsraum 1a.
  • 12.08. | 18 Uhr Vortrag – „Die Geschlossene Venerologische Station in Rostock“ (Dr. Steffi Brüning) mit anschließendem Rundgang. Anmeldung: gleichstellungsbeauftragte@rostock.de  Ort: Rathaus Rostock.
  • 14.08. | 16:30 Uhr Online-Workshop – „Disziplinierung und sexualisierte Gewalt in DDR-Umerziehungseinrichtungen – Strukturen, Erfahrungen und Verantwortung bis heute“. Anmeldung: info@einweisungsgrund-herumtreiberei.de 

Geschichte

Durchgangsheim Rostock-Bramow

Das Durchgangsheim wird um 1951 in der Carl-Hopp-Straße 4 in Rostock-Bramow neben einem Hilfsschulheim eröffnet. Obwohl es nur acht Plätze hat, ist es in den 1960er Jahren zeitweise mit 35 Mädchen und Jungen belegt.  Jährlich durchlaufen bis zu 190 Minderjährige das Heim.

 

Die Schlafräume im Heim bleiben nachts verschlossen. Einen Notruf gibt es nicht. Auch tagsüber ist stundenweise kein Personal vor Ort, sodass die Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit ohne Aufsicht eingeschlossen sind. Prügelstrafen und andere ehrverletzende Strafen sind für die 1960er Jahre belegt.

 

Ende der 1980er Jahre wird das Durchgangsheim wahrscheinlich nach Rostock-Schmarl verlegt. Das Gebäude in der Carl-Hopp-Straße existiert heute nicht mehr.

Rostock Transit Home

The transit home opens around 1951 at 4 Carl-Hopp-Straße in Rostock-Bramow, next to an auxiliary school home. Although it only has eight places, in the 1960s it is temporarily occupied by 35 girls and boys. Up to 190 minors pass through the transit home every year.


The dormitories remain locked at night. There is no emergency call system. During the day, staff would be absent for hours at a time, leaving the minors locked in without supervision. Beatings and dishonouring punishments are documented from the 1960s.


By the end of the 1980s, the transit centre probably moves to Rostock-Schmarl. The building in Carl-Hopp-Straße no longer exists today.

Das Normalkinderheim „Egon Schultz“ in Rostock-Lichtenhagen

Das Kinderheim „Egon Schultz“ ist ein staatliches Normalkinderheim in Rostock-Lichtenhagen. Dort werden Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 18 Jahren eingewiesen, etwa weil sie elternlos sind oder aus Sicht der Jugendhilfe als gefährdet gelten. Über Normalkinderheime ist bislang insgesamt wenig geforscht; auch zu dieser Einrichtung liegen bisher nur wenige Informationen vor.

 

Am 23. März 1981 wird die erste Bewohnerin aufgenommen. Der Vorschulteil wächst rasch, und die Belegung des gesamten Heims steigt auf rund 140 Kinder und Jugendliche. Der Tagesablauf ist streng reglementiert; auf Ordnung und Sauberkeit wird großer Wert gelegt. Das pädagogische Personal arbeitet in zwei Schichten, nachts betreuen zwei Nachtwachen die Kinder. Politisch-ideologische Erziehung und Kollektiverziehung spielen im Heimalltag eine zentrale Rolle.

 

Nach 1990 folgt eine Phase der Neuorientierung. Im Oktober 1992 übernimmt der ASB Landesverband Mecklenburg-Vorpommern die Einrichtung, später wird sie in dezentrale Wohngruppen umstrukturiert und das Angebot erweitert.

Vom 26. August bis zum 11. September 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Rühn auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Rühn zu sehen. Am historischen Ort des Jugendwerkhofs „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) setzt das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau einen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Die Präsentation erfolgt in Kooperation mit dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 26. August – 11. September 2025
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Ausstellungsort: Klosterverein Rühn e.V., Klosterhof 1, 18246 Rühn

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Jugendwerkhof Rühn 

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet. In den 1960er Jahren entwickelt sich die Einrichtung zu einem Jugendwerkhof mit rund 130 Plätzen sowie Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow. Im Mai 1962 wird dem Jugendwerkhof zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch prägen den Alltag im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit, fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte und das Unterschlagen von Taschengeld sind belegt. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht. 1990 wird der Jugendwerkhof aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

Digitales Begleitmaterial:

Digitales Zeitzeugenporträt über Marno, der als junger Mensch im Jugendwerkhof Rühn untergebracht war. Die Videos geben Einblicke in persönliche Erfahrungen und das Leben im Heim.

Marno #1 – Der Grübler


Marno ist eigentlich ein hochbegabtes Kind – doch seine Lehrer erkennen in seiner Unruhe nicht Neugierde, sondern stempeln ihn stattdessen früh als „Zappelphilipp“ ab. Zu Hause haben die beiden berufstätigen Eltern nur wenig Zeit für ihn, fordern
ihm aber gleichzeitig viel ab. Mit Verhaltensauffälligkeiten versucht er, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen – ohne Erfolg. Dafür wird jetzt das Referat Jugendhilfe auf ihn aufmerksam…

Marno #2 – Das Abenteuer

Das Referat Jugendhilfe ordnet eine ärztliche Untersuchung für Marno an. In deren Zuge wird ihm ein frühkindlicher Hirnschaden infolge von Sauerstoffmangel attestiert. Marno gilt von nun an als verhaltensgestört. Es erfolgt seine Einweisung in das Spezialkinderheim „Waldfrieden“ bei Loitsche. Der siebenjährige Marno hofft auf ein großes Abenteuer. Doch das Heim etabliert vom ersten Tag an einen rigorosen Drill. Er fängt an, auszubrechen. Wäre da nicht dieser unheimliche Wald…

Marno #3 – Tropfen und Pillen

Als Reaktion auf seine Fluchtversuche beschließt das Personal aus dem Spezialkinderheim „Waldfrieden“ Marnos Therapierung mit starken Medikamenten. Sie lassen Marno träge werden, beeinträchtigen sein Konzentrationsvermögen. Seinen Eltern darf er davon nichts erzählen. Was im Heimalltag passiert, darf nicht nach außen getragen werden.

Marno #4 – Die Therapie

Im Alter von elf Jahren kommt Marno ins Sonderheim Werftpfuhl, ein Heim für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie. Doch der Titel hält nicht, was er verspricht. Dem Personal fehlt es an dem nötigen Fachwissen, die Kinder bekommen keine therapeutische Förderung. Auch ist der Heimalltag in Werftpfuhl um einiges rigider als in Loitsche. Marno ist einmal mehr Einzelgänger, kann sich niemanden anvertrauen, unternimmt wieder Fluchtversuche. Aber wohin soll er nur gehen?

Marno #5 – Fische im Mund

Marno kommt ins Spezialkinderheim Borgsdorf, Kreis Oranienburg. Er wird fast die nächsten drei Jahre in dem Heim verbringen. Dort trifft er zum ersten Mal auf einen Psychologen, dem er scheinbar vertrauen kann und der ihm helfen will. Der Versuch geht jedoch nach hinten los.

Auch seine Eltern zeigen sich enttäuscht von ihm, äußern kaum mehr das Bedürfnis, ihn zu sehen. Doch auch Marno verliert aufgrund der schwierigen Situation zunehmend sein Vertrauen in sie.

Marno #6 – Die Puppe

Mit 14 Jahren wird Marno in den Jugendwerkhof „Neues Leben“ in Rühn eingewiesen. Hier erreichen physische und psychische Gewalt eine neue Stufe. Ohne Rücksicht muss Marno knochenharte Feldarbeit verrichten.

Neben einem sadistischen Erzieher sind es insbesondere die Bestrafungen der Jugendlichen durch das Heimkollektiv, die Marno verstören.

Wo ist er hier nur gelandet?

 

Marno #7 – In Torgau

Marno wird Entweichung, Kircheneinbruch und Diebstahl vorgeworfen. Zur Strafe erfolgt seine Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

Schon beim bloßen Anblick ist Marno von dem großen Gefängnistor, den Gittern vor den Fenstern und den hohen Mauern eingeschüchtert. In seiner Arrestzelle vernimmt er für den Ort ungewöhnliche Geräusche…

Marno #8 – Handabdrücke

Der Aufenthalt in Torgau setzt Marno zunehmend zu. Nie hätte er sich gedacht, dass ein Heim das bisher Erlebte übertreffen könnte. Aber Torgau ist genau dieser Ort.

Als Asthmatiker hat er Probleme, bei dem vielen Sport mitzuhalten, der in Torgau praktiziert wird. Sich mit jemanden zu solidarisieren, Freundschaft zu schließen, ist nicht. Hier ist ein jeder auf sich allein gestellt.

Marno #9 – Nicht mehr können

Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kommt Marno wieder in den Jugendwerkhof zurück. Weil er auch von dort mehrmals entweicht, wird seine erneute Einweisung nach Torgau beschlossen.

Kurz vor seinem Transport trifft Marno einen tiefgreifenden Entschluss…

Marno #10 – Urteil

Nach seinem Suizidversuch wird Marno mit 17 Jahren aus der Heimerziehung entlassen.

Nach all den Jahren zieht er wieder bei seinen Eltern ein, aber es funktioniert nicht. Die Distanz zwischen ihm und seiner Familie ist zu groß geworden. Dann lernt er die falschen „Freunde“ kennen, fängt an, regelmäßig das Gesetz zu brechen. Als er scheinbar nicht mehr tiefer fallen kann, erreicht ihn eine unverhoffte Entscheidung.

Marno #11 – Vater und Sohn

Heute lebt Marno gesetzestreu, interessiert sich noch immer für Aquaristik, hat einen kleinen Laden, in dem ihm auch sein Sohn zur Hand geht.

 

Der alleinerziehende Vater versucht in Sachen Erziehung sein Bestes, doch oft holt ihn seine Heimvergangenheit ein.

 

Vom 24. April bis 9. Mai 2025 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG erstmals in Gera zu sehen. Nach dem Kinder- und Jugend-hilfetag in Leipzig kehrte die Wanderausstellung ab dem 19. Mai in die Stadt zurück und stand bis zum 24. Juni 2025 vor dem Theater Altenburg Gera. Als mobiles Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau klärte die Ausstellung über die Geschichte des repressiven DDR-Heimsystems auf und erinnerte an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder.

 

In Gera thematisierte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG außerdem die Geschichte des Jugendwohn- und Durchgangsheims „Ernst Thälmann“, das zunächst in der Greizer Straße 23 bestand und 1961 in die Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße) verlegt wurde.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 24. April – 9. Mai 2025 | 19. Mai – 24. Juni 2025
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10–18 Uhr | Samstag, 10–17 Uhr
Ausstellungsort: Theaterplatz 1, 07548 Gera (vor dem Theater Altenburg Gera)

 

Der Eintritt ist frei.

24.04. | 13 Uhr Ausstellungseröffnung

Die Ausstellungseröffnung fand am Donnerstag, 24. April 2025, um 13 Uhr auf dem Theaterplatz in Gera statt. Im Anschluss führte ein Zeitzeuge des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau durch die Ausstellung.

 

Programm

  • Begrüßung: Frank Karbstein, Vorstandsvorsitzender Gedenkstätte Amthordurchgang e. V.
  • Grußwort: Felix Eckerle, Amtsleiter Kulturamt Gera
  • Grußwort: Dr. Sophie Oldenstein, Chefdramaturgin Theater Altenburg Gera
  • Vorstellung der Ausstellung und Rundgang mit Zeitzeuge

04.06. | 18 Uhr Film und Podiumsgespräch „Verlorene Zeit“

Am Mittwoch, 4. Juni 2025, um 18 Uhr fand im Chorsaal des Theaters Altenburg Gera eine begleitende Abendveranstaltung statt. Unter dem Titel „Verlorene Zeit. Mit der Heimerziehung war meine Kindheit zu Ende“ wurde zunächst ein 15-minütiger Film gezeigt. Er beleuchtet repressive Bedingungen der DDR-Heimerziehung und die Erfahrungen einer Frau, die als Jugendliche im Durchgangsheim Schmiedefeld Isolation und Gewalt erlebte.

 

Anschließend folgte ein Gespräch mit Expert:innen, die seit Jahren mit Betroffenen arbeiten. Im Mittelpunkt stand die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung in Thüringen. Die Veranstaltung richtete sich ausdrücklich auch an Betroffene, die besonders herzlich eingeladen waren.

Geschichte

Das Jugendwohn- und Durchgangsheim „Ernst Thälmann“ in Gera

„Als ich 1978 ins kleine Durchgangsheim in Gera kam, war auch dies geschlossen, ein sehr kleines Gebäude. Alle Kinder waren dort in zwei Räumen untergebracht und standen unter ständiger Beobachtung durch Sehschlitze in der Tür. Es gab kein Tageslicht, nur Glasbausteine und da waren auch zwei Arrestzellen.“

Anfänge und Standortwechsel

1949 wird das Durchgangsheim Gera in einem alten Patrizierhaus in der Greizer Straße 23 eröffnet. Zuvor war das Haus ein Waisenhaus.

In den 1950er Jahren werden aufgegriffene Kinder und Jugendliche aus den Kreisen Jena, Stadtroda, Rudolstadt und Eisenberg in das Durchgangsheim gebracht, wenn die Behörden eine Gefährdung vermuten. In einigen Dokumenten wird das Heim als „Auffanglager Greizerstraße“ oder „Durchgangslager Gera“ bezeichnet. 

 

Der Zustand der Einrichtung ist zu dieser Zeit desolat: defekte Türen und Fenster, unhygienische Waschräume, Überbelegung; all diese Mängel sollen behoben werden. Trotz der hohen Auslastung ist in einem Teil des Gebäudes ein Lehrlingswohnheim geplant.

1953 investiert der Bezirk im Rahmen einer „Schandfleckaktion“ 20.000 DM in die Sanierung. Im Heim wird ein neuer „Kulturraum“ geschaffen. Zusätzliche Möbel, Gardinen und Tischdecken werden angeschafft, um die Räume wohnlicher zu gestalten. Einige Arbeiten übernehmen die Jugendwerkhöfe (JWH) im Bezirk: Jugendliche aus dem JWH Bad Köstritz führen Maurerarbeiten aus, Bad Klosterlausnitz übernimmt Zimmererarbeiten, Hummelshain liefert neue Möbel.

 

Dennoch bleibt die Wohnsituation problematisch. Deshalb verlegt man das Heim 1961 in das Gebäude einer ehemaligen Fabrikantenvilla in der Wilhelm-Pieck-Straße 138 (heute Berliner Straße). Die Villa nutzt man zweigeteilt: Im Haupthaus betreut man „Waisen und pädagogisch vernachlässigte“ Jugendliche, während sich im Seitenflügel und in der Remise vermutlich das Durchgangsheim befindet. Dort sind die Fenster vergittert, und die Räume bleiben beengt. Auch organisatorisch trennt man beide Bereiche deutlich. In der Küche kocht man beispielsweise zweimal täglich – einmal für die Jugendlichen des Wohnheims und einmal für die Jugendlichen des Durchgangsheims.

Kapazitäten und Belegung

Durchgängige Belegungszahlen sind nicht überliefert. Mitte der 1960er Jahre hat das Durchgangsheim jedoch etwa 30 Plätze, während im Jugendwohnheim dauerhaft über 70 Jugendliche leben, teilweise in großen Schlafsälen. Für die 1970er Jahre nennt man insgesamt 112 Plätze (80 im Jugendwohnheim, 32 im Durchgangsheim). Jährlich durchlaufen 700 bis 800 Jugendliche die Einrichtung.

 

Nutzung nach 1990

Auch nach 1990 nutzt man die Villa weiter als Heimeinrichtung. Allerdings reduziert man die Belegung deutlich, und man entfernt Fenstergitter im Nebenhaus. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten leben 1998 nur noch 28 Jugendliche in der Einrichtung. Träger des heutigen Jugendwohnheims in der Berliner Straße 138 ist der Internationale Bund (IB).

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