Zeitzeugen gesucht

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Zeitzeugen gesucht

Vom 26. August bis zum 11. September 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Rühn auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Rühn zu sehen. Am historischen Ort des Jugendwerkhofs „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) setzt das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau einen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Die Präsentation erfolgt in Kooperation mit dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 26. August – 11. September 2025
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Ausstellungsort: Klosterverein Rühn e.V., Klosterhof 1, 18246 Rühn

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Jugendwerkhof Rühn 

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet. In den 1960er Jahren entwickelt sich die Einrichtung zu einem Jugendwerkhof mit rund 130 Plätzen sowie Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow. Im Mai 1962 wird dem Jugendwerkhof zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch prägen den Alltag im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit, fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte und das Unterschlagen von Taschengeld sind belegt. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht. 1990 wird der Jugendwerkhof aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

Digitales Begleitmaterial:

Digitales Zeitzeugenporträt über Marno, der als junger Mensch im Jugendwerkhof Rühn untergebracht war. Die Videos geben Einblicke in persönliche Erfahrungen und das Leben im Heim.

Marno #1 – Der Grübler


Marno ist eigentlich ein hochbegabtes Kind – doch seine Lehrer erkennen in seiner Unruhe nicht Neugierde, sondern stempeln ihn stattdessen früh als „Zappelphilipp“ ab. Zu Hause haben die beiden berufstätigen Eltern nur wenig Zeit für ihn, fordern
ihm aber gleichzeitig viel ab. Mit Verhaltensauffälligkeiten versucht er, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen – ohne Erfolg. Dafür wird jetzt das Referat Jugendhilfe auf ihn aufmerksam…

Marno #2 – Das Abenteuer

Das Referat Jugendhilfe ordnet eine ärztliche Untersuchung für Marno an. In deren Zuge wird ihm ein frühkindlicher Hirnschaden infolge von Sauerstoffmangel attestiert. Marno gilt von nun an als verhaltensgestört. Es erfolgt seine Einweisung in das Spezialkinderheim „Waldfrieden“ bei Loitsche. Der siebenjährige Marno hofft auf ein großes Abenteuer. Doch das Heim etabliert vom ersten Tag an einen rigorosen Drill. Er fängt an, auszubrechen. Wäre da nicht dieser unheimliche Wald…

Marno #3 – Tropfen und Pillen

Als Reaktion auf seine Fluchtversuche beschließt das Personal aus dem Spezialkinderheim „Waldfrieden“ Marnos Therapierung mit starken Medikamenten. Sie lassen Marno träge werden, beeinträchtigen sein Konzentrationsvermögen. Seinen Eltern darf er davon nichts erzählen. Was im Heimalltag passiert, darf nicht nach außen getragen werden.

Marno #4 – Die Therapie

Im Alter von elf Jahren kommt Marno ins Sonderheim Werftpfuhl, ein Heim für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie. Doch der Titel hält nicht, was er verspricht. Dem Personal fehlt es an dem nötigen Fachwissen, die Kinder bekommen keine therapeutische Förderung. Auch ist der Heimalltag in Werftpfuhl um einiges rigider als in Loitsche. Marno ist einmal mehr Einzelgänger, kann sich niemanden anvertrauen, unternimmt wieder Fluchtversuche. Aber wohin soll er nur gehen?

Marno #5 – Fische im Mund

Marno kommt ins Spezialkinderheim Borgsdorf, Kreis Oranienburg. Er wird fast die nächsten drei Jahre in dem Heim verbringen. Dort trifft er zum ersten Mal auf einen Psychologen, dem er scheinbar vertrauen kann und der ihm helfen will. Der Versuch geht jedoch nach hinten los.

Auch seine Eltern zeigen sich enttäuscht von ihm, äußern kaum mehr das Bedürfnis, ihn zu sehen. Doch auch Marno verliert aufgrund der schwierigen Situation zunehmend sein Vertrauen in sie.

Marno #6 – Die Puppe

Mit 14 Jahren wird Marno in den Jugendwerkhof „Neues Leben“ in Rühn eingewiesen. Hier erreichen physische und psychische Gewalt eine neue Stufe. Ohne Rücksicht muss Marno knochenharte Feldarbeit verrichten.

Neben einem sadistischen Erzieher sind es insbesondere die Bestrafungen der Jugendlichen durch das Heimkollektiv, die Marno verstören.

Wo ist er hier nur gelandet?

 

Marno #7 – In Torgau

Marno wird Entweichung, Kircheneinbruch und Diebstahl vorgeworfen. Zur Strafe erfolgt seine Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

Schon beim bloßen Anblick ist Marno von dem großen Gefängnistor, den Gittern vor den Fenstern und den hohen Mauern eingeschüchtert. In seiner Arrestzelle vernimmt er für den Ort ungewöhnliche Geräusche…

Marno #8 – Handabdrücke

Der Aufenthalt in Torgau setzt Marno zunehmend zu. Nie hätte er sich gedacht, dass ein Heim das bisher Erlebte übertreffen könnte. Aber Torgau ist genau dieser Ort.

Als Asthmatiker hat er Probleme, bei dem vielen Sport mitzuhalten, der in Torgau praktiziert wird. Sich mit jemanden zu solidarisieren, Freundschaft zu schließen, ist nicht. Hier ist ein jeder auf sich allein gestellt.

Marno #9 – Nicht mehr können

Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kommt Marno wieder in den Jugendwerkhof zurück. Weil er auch von dort mehrmals entweicht, wird seine erneute Einweisung nach Torgau beschlossen.

Kurz vor seinem Transport trifft Marno einen tiefgreifenden Entschluss…

Marno #10 – Urteil

Nach seinem Suizidversuch wird Marno mit 17 Jahren aus der Heimerziehung entlassen.

Nach all den Jahren zieht er wieder bei seinen Eltern ein, aber es funktioniert nicht. Die Distanz zwischen ihm und seiner Familie ist zu groß geworden. Dann lernt er die falschen „Freunde“ kennen, fängt an, regelmäßig das Gesetz zu brechen. Als er scheinbar nicht mehr tiefer fallen kann, erreicht ihn eine unverhoffte Entscheidung.

Marno #11 – Vater und Sohn

Heute lebt Marno gesetzestreu, interessiert sich noch immer für Aquaristik, hat einen kleinen Laden, in dem ihm auch sein Sohn zur Hand geht.

 

Der alleinerziehende Vater versucht in Sachen Erziehung sein Bestes, doch oft holt ihn seine Heimvergangenheit ein.

 

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