Vom 15. Oktober bis zum 11. November 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar (DNT) anlässlich des 35. Jahrestages der Friedlichen Revolutionund ergänzte die künstlerische Auseinandersetzung DNT mit dem Thema repressive DDR-Heimerziehung.
Auf die Arbeit der Gedenkstätte wurde das DNT im Zuge der Recherche für die Produktion „Jenseits der Blauen Grenze“ aufmerksam. Die Inszenierung basiert auf dem Jugendroman von Dorit Linke. Auch in Thomas Freyers Stück „dumme Jahre“ spielt das Thema eine zentrale Rolle: Eine Figur verarbeitet traumatische Erfahrungen aus Durchgangs- und Spezialkinderheimen – und macht sichtbar, wie tief diese Erlebnisse nachwirken.
Ausstellungsdaten
Zeitraum: 15. Oktober – 11. November 2024
Öffnungszeiten: Freitag bis Dienstag sowie an Feiertagen, 13–18 Uhr
Standort: Stéphane-Hessel-Platz, 99423 Weimar
Der Eintritt ist frei.
02.11.–13.11. | Theaterprogramm in Begleitung der »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG«
Im Zeitraum vom 2. bis 13. November 2024 begleitet die »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« das Theaterprogramm des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Im Zentrum stehen die Produktionen »dumme Jahre« von Thomas Freyer und »Jenseits der Blauen Grenze« nach dem Jugendroman von Dorit Linke. Die Aufführungen und begleitenden Formate greifen das Thema repressive DDR-Heimerziehung auf und schaffen Räume für Austausch und Reflexion.
02.11. / 19:30 Uhr – Vorstellung »dumme Jahre« – Im Anschluss Nachgespräch zum Thema „Repressive DDR-Heimerziehung“ mit Zeitzeug:innen
05.11. / 19:00 Uhr – Wiederaufnahme »Jenseits der Blauen Grenze«
06.11. / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«
13.11. / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«
Geschichte
Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.
Durchgangsheim Erfurt
1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.
Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt
1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich
„um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“
Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:
„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“
„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“
„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“
Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:
„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“
„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“
Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.
HEIM-STADT Erfurt
Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim.
Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.
Quellen