Zeitzeugen gesucht

Werden Sie Teil von Blackbox Heimerziehung und teilen Sie Ihre Geschichte

Zeitzeugen gesucht

Vom 21. Oktober bis 24. November 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Chemnitz in der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 zu sehen. In Kooperation mit dem Beruflichen Schulzentrum (BSZ) für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz lädt die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau zum Besuch ein.

 

Die Ausstellung setzt einen wichtigen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Im Mittelpunkt der Station stehen zwei regionale Orte: das ehemalige Durchgangsheim auf dem Kaßberg sowie der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach. Die Ausstellung knüpft damit an lokale Geschichte an, erinnert an die Schicksale ehemaliger DDR-Heimkinder und lädt zum Austausch ein.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 21. Oktober – 24. November 2025
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 09:00 bis 16:00 Uhr; Sonderöffnungen an Samstagen: 08:11 und 22.11.2025, jeweils 09:00 bis 15:00 Uhr

Ausstellungsort: Berufliches Schulzentrum für Gesundheit und Sozialwesen Chemnitz (Außenbereich vor dem Schulgelände)

 

Der Eintritt ist frei.

22.11. | Tag der offenen Tür

Am 22. November 2025 findet von 9:30 bis 13:00 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. An diesem Vormittag lässt sich der Besuch der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG mit einem Einblick in den Schulstandort und weitere Angebote vor Ort verbinden.

Geschichte

Das Durchgangsheim in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz)       

Entstehung und Funktion 

 Bereits 1951 existiert in Chemnitz ein Aufnahmeheim für Kinder von drei bis vierzehn Jahren. Im Jahr 1956 wird zudem ein Durchgangsheim auf dem Gelände eines Jugendwohnheims in der Bernsdorfer Straße erwähnt. Es hat etwa 17 Plätze für männliche Jugendliche, die in der Gärtnerei und Landwirtschaft der Einrichtung arbeiten.

 

Im Jahr 1962 erscheint das Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt dann mit der Anschrift Kaßbergstraße 32 und hat zunächst 45 Plätze. Es nimmt Minderjährige ab drei Jahren auf, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. In den Folgejahren reduziert sich die Platzanzahl: 1963 sind es 25 Plätze, und bis 1965 bleibt die Kapazität deutlich geringer als zu Beginn.

 

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.

 Aufnahmen, Verlegungen und Wartezeiten

 1976 sind insgesamt 911 Aufnahmen verzeichnet, wobei die meisten Kinder nur wenige Tage in der Einrichtung bleiben. Von hier aus werden sie entweder in ihr Elternhaus (301), ihr vorheriges Heim (276) oder in ein anderes Heim (309) gebracht. Gleichzeitig müssen 99 Kinder auf einen Heimplatz warten – teilweise bis zu drei Monate oder länger. Damit verstößt die Praxis sogar gegen damalige Bestimmungen.

Alltag und Arbeit 

Das Heim beschäftigt 14 pädagogische und neun technische Mitarbeitende. Dennoch erfolgt Schulunterricht jahrgangsüber-greifend und lediglich stundenweise, wodurch Lernrückstände entstehen. Freizeitangebote sind außerdem kaum vorhanden.

 

In der DDR ist Kinderarbeit bereits seit 1949 verboten, wird aber in den Spezialheimen der Jugendhilfe dennoch praktiziert. Die Disziplinierung durch Arbeit spielt als Methode eine zentrale Rolle. Ein Betroffener, der im Alter von 13 Jahren in das Durchgangs-heim Karl-Marx-Stadt eingewiesen wurde, erinnert sich an einen großen Werkraum. Dort musste er gemeinsam mit anderen Kindern etwa sechs Stunden täglich Kleinteile für die Motoren- und Automobilindustrie montieren. Diese Arbeit eignete sich besonders gut für Kinderhände. Es habe sich dabei um Normarbeit gehandelt. Die Norm durfte nicht unterschritten werden.

[Quelle]

 

Wie alle Durchgangsheime verfügt auch das Durchgangsheim über eine Isolierzelle. Eine Betroffene, die 1969 dort war, erinnert sich an einen sehr kleinen, fensterlosen Raum, der nur mit einem Bett, einem Waschbecken und einem Eimer für die Notdurft ausgestattet war. Die Tür hatte demnach einen Spion. Das Essen wurde wie im Gefängnis durch eine Klappe gereicht.

Schließung

Kurz vor der Auflösung der Durchgangsheime im Jahr 1986 verzeichnet die Einrichtung eine Aufnahme von jährlich etwa 800 Minderjährigen – nur Berlin (815) und Erfurt (750) hatten vergleichbare Zahlen. Nach der Schließung wird das Heim vermutlich als Außenstelle des Jugendwerkhofs Klaffenbach umgenutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich genutzt. [Literatur] Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 129-132.

Vorschriftsmäßige Zelle in einem Durchgangsheim, 1987. Die Sicherheitsvorkehrungen lassen kaum an ein Kinderheim denken.
Auflösung der Bezirksdurchgangsheime. Schreiben und Anlage Minister für Volksbildung, Juni 1987. Angaben zum Durchgangsheim Karl-Marx-Stadt.

Das Mädchenheim in Klaffenbach (1947-1948)

Gründung und Ziele 

Im Jahr 1947 wird im Wasserschloss Klaffenbach (Neukirchen) bei Chemnitz ein Mädchenheim eröffnet. Das Heim dient zunächst dem Zweck, „die Mädel – vor allem während der Zeit der Sicherungskuren zur Verhütung der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten – aus dem übrigen Volksleben auszuschließen und sie während dieser Zeit an ein regelmäßiges Arbeitsleben zu gewöhnen.“ [Quelle]

Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940, S.5.

In der Nachkriegszeit sind Geschlechtskrankheiten und ihre Eindämmung ein Politikum. Die Verbreitung der Krankheiten wird vor allem alleinstehenden Frauen und weiblichen Personen ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz zugeschrieben.

 

Alltag und Arbeit

Im Mädchenheim Klaffenbach sind in dieser Zeit Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis über 21 Jahren untergebracht (zehn über 18 Jahre und zehn unter 18 Jahre). Ihnen werden vor allem Attribute wie „ sittlich gefährdet“, oder „arbeitsscheu“ zugeschrieben.

 

In dieser Zeit hat das Heim den Charakter eines Arbeitshauses. Die Mädchen und Frauen verrichten körperlich schwere Arbeit in der Landwirtschaft und bewirtschaften die Gebäude der Anlage. Im Vordergrund steht ihre Arbeitsleistung. Für ihre Arbeit erhalten sie nicht einmal ein Taschengeld. Die Erträge fließen in den Erhalt der Einrichtung.

Die damals verantwortliche Erzieherin im Heim kritisiert die einseitige Ausrichtung und den Charakter der Einrichtung als Arbeitshaus. Sie setzt sich dafür ein, die körperlich schwere Arbeit um Schulunterricht und gemeinsame Freizeitangebote zu erweitern. Für die Umsetzung ihrer Ansätze fehlt es im Heimalltag jedoch an allem – vor allem an Personal: Eine einzige Erzieherin muss sich werktags und an den Wochenenden rund um die Uhr um alle Abläufe im Heim kümmern. Angesichts eklatanter Mängel im Heim reicht die Erzieherin noch im selben Jahr die Kündigung ein. Keine zwei Jahre später erhält das Mädchenheim den Status eines Jugendwerkhofs. [Quelle] Stadtarchiv Chemnitz: A 0315 RdSt. bis 1990 Sign. 7940.

Der Jugendwerkhof „Rosa Luxemburg“ in Klaffenbach (1949 bis 1990)

Das war ein Wasserschloss mit erheblichen baulichen Mängeln, die Fenster waren vergittert, die Türen wurden verschlossen, es gab Arrestzellen. Es herrschte harter Drill, viel Gewalt, gab harte Strafen, alles wurde im Kollektiv gemacht. Ich machte hier den Teilfacharbeiter in einem Metallberuf bei einer Firma außerhalb. Ich bekam dafür eine kleine Summe auf dem Sparbuch bei der Entlassung.“

[Quelle] O-Ton Betroffene, Jugendwerkhof Klaffenbach von 1981-1983. Zitiert nach: Sack, Martin; Ebbinghaus, Ruth: Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung? In: Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR. Expertisen. Hrsg.: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer, Berlin März 2012, S. 334.

Gründung (ab 1949)

Mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 erhält das vormalige Mädchenheim im Wasserschloss Klaffenbach den Status eines landwirtschaftlichen Jugendwerkhofs. Zur Einrichtung gehört eine etwa 100 Hektar große landwirtschaftliche Nutzfläche. 1951 verfügt der Jugendwerkhof über 50 Plätze für Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die in Haus- und Landwirtschaft arbeiten. Die körperliche Arbeit beginnt früh, ist schwer und prägt den Tagesablauf. Ausstattung und Verpflegung bleiben karg bzw. unterhalb der Norm; 1957 zählt Klaffenbach zu den Jugendwerkhöfen mit den meisten registrierten Fluchten.

Schule, Heimordnung und ideologische Rahmung

Organisatorisch ist der Jugendwerkhof klar hierarchisch aufgestellt: Neben dem Heimleiter arbeiten 1951 vier Erzieherinnen und ein Erzieher, dazu kommen Angestellte für Hauswirtschaft und landwirtschaftlichen Betrieb. Die ärztliche Betreuung erfolgt außerhalb der Einrichtung. Auf dem Gelände befindet sich eine eigene Schule, doch die Mädchen bringen häufig Lernrückstände mit. Der Unterricht orientiert sich vor allem an der Vorbereitung auf landwirtschaftliche Arbeit: Eine Lehrkraft unterrichtet zwei Gruppen wöchentlich jeweils zwölf Stunden nach dem Lehrplan der landwirtschaftlichen Berufsschule. Wie in allen Jugendwerkhöfen können die Mädchen lediglich eine Teilfacharbeiterinnenqualifikation erreichen – mit deutlich eingeschränkten späteren Berufs- und Lebenswegen.

 

Der Alltag ist durch eine strenge Heimordnung geprägt. Die Mädchen sind in sieben Zimmergruppen eingeteilt; Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit gelten als zentrale Maßstäbe. Neben der täglichen Arbeit fallen regelmäßig Reinigungs-, Näh- und Reparaturarbeiten an. Freizeit ist nur in organisierter Form vorgesehen (z. B. Chor, Laienspiel, Sport). Gleichzeitig ist das kulturelle Angebot am Parteiprogramm ausgerichtet: Es bestehen u. a. eine SED-Betriebsgruppe, FDJ-Betriebsgruppe, DSF-Betriebsgruppe und Gewerkschaftsgruppe. An örtlichen Veranstaltungen nehmen diese Gruppen teil – die Mädchen aus dem Jugendwerkhof werden dabei jedoch ausgegrenzt und als „Erziehungsfälle“ von „einwandfreien Jugendlichen“ abgegrenzt.

Spätphase und Auflösung 1990

Der Jugendwerkhof Klaffenbach erweitert im Laufe der Jahre beständig seine Kapazitäten. 1956 gibt es 66 Plätze, 1978 bereits 120 – nach wie vor ausschließlich für Mädchen. Im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft werden die Mädchen allerdings weniger in der Feldarbeit und zunehmend als Arbeitskräfte in umliegenden Betrieben gebraucht. Sie arbeiten in der Geflügelzucht, der Speisefettherstellung, Elektromontage oder Zerspanung in Neukirchen, Karl-Marx-Stadt oder Brand-Erbisdorf. Die Beschulung findet eher behelfsmäßig im Jugendwerkhof statt. Ausgebildetes Lehrpersonal ist schwer zu finden. Stellen bleiben unbesetzt. Die Spezialheime haben keinen guten Ruf. Die abgeschiedene Lage und die langen Schichten machen die Heime als Arbeitsort unattraktiv.

 

In einer Eingabe aus dem Jahr 1973 wird von Klagen einiger Mädchen über die Zustände im Jugendwerkhof berichtet. Sie beschweren sich über Schläge und körperliche Misshandlungen durch das Erzieherpersonal, Gewalt untereinander sowie Arreststrafen in einer kalten Zelle. Der Ausgang der Beschwerde ist nicht bekannt. [Quelle]

Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz: StA-C, 30413 Bezirkstag/RdB Karl-Marx-Stadt: Schreiben an Bezirk Karl-Marx-Stadt, Abteilung Volksbildung, Referat Jugendhilfe, 6.4.1973.

Vor dem Mauerfall werden deutlich weniger Jugendliche in den Jugendwerkhof Klaffenbach eingewiesen Im März 1990 wird der Jugendwerkhof schließlich aufgelöst. Zum Zeitpunkt der Schließung des Jugendwerkhofes befindet sich das Schloss in einem desolaten Bauzustand. Private Schmalfilmaufnahmen aus dem Filmarchiv Chemnitz von 1994 vermitteln einen Eindruck davon.

Es wird aufwändig saniert und ist seit 1995 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. [Archiv]Bundesarchiv Berlin, Sächsisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz, Stadtarchiv Chemnitz, Filmarchiv Chemnitz  [Literatur]Sachse, Christian (2013): Ziel Umerziehung! Spezialheime der DDR-Jugendhilfe 1945-1989 in Sachsen. In: Initiativgruppe GJWH Torgau e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe „Auf Biegen und Brechen“. Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Sonderband, Leipzig, S. 182f.

Vom 15. Juli bis zum 22. August 2025 waren in Rostock gleich zwei Wanderausstellungen zu sehen, die sich mit repressiven Maßnahmen der SED-Diktatur auseinandersetzen. Die „BLACKBOX HEIMERZIEHUNG“ thematisiert das repressive DDR-Heimsystem und „Einweisungsgrund: Herumtreiberei“ beleuchtet die Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Stationen. Gezeigt werden beide Ausstellungen zunächst in der Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Untersuchungs-haftanstalt (DuG) Rostock. Die Präsentation  beider Ausstellungen  und der Veranstaltungsreihe „Ich will nicht hinter Gittern
leben“ erfolgte in Kooperation mit der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock, dem Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und der Hanse- und Universitätsstadt Rostock.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. Juli – 22. August 2025
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 10–15 Uhr, sowie nach Anmeldung
Ausstellungsort: Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock (DuG), Grüner Weg 5, 18055 Rostock

 

Der Eintritt ist frei.

BLACKBOX HEIMERZIEHUNG

Die Wanderausstellung BLACKBOX HEIMERZIEHUNG der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau gastiert an historischen Orten der DDR-Heimerziehung und klärt im Innen- und Außenbereich eines umgebauten Seecontainers über die Geschichte des repressiven DDR-
Heimsystems auf. Seit 2022 ermöglichte die Ausstellung bereits an 21 verschiedenen Standorten die Auseinandersetzung mit einem Teil der DDR-Geschichte, der vielerorts bereits in Vergessenheit geraten ist. Am neuen Standort wird die Geschichte des Durchgangsheims in Rostock-Bramow
(1951–Ende der 1980er Jahre) und des Jugendwerkhofs Rühn (1950–1990) beleuchtet.

 

Website: www.blackbox-heimerziehung.de
Instagram: @ddr_heimerziehung_aufarbeiten

Einweisungsgrund: Herumtreiberei

Die Wanderausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Gedenkstätte GJWH Torgau und des Vereins Riebeckstraße 63 e.V. Im Fokus steht die Umerziehung in den Geschlossenen Venerologischen Stationen, in denen systematisch sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde. Betroffen waren vor allem Mädchen und Frauen, deren Verhalten von den sozialistischen Idealen der Arbeitsdisziplin, des partnerschaftlichen Zusammenlebens oder der Staatstreue abwich. Ein Schwerpunkt liegt auf der
Geschichte der Geschlossenen Venerologischen Station in Rostock (1955–1979).

 

Website: www.einweisungsgrund-herumtreiberei.de
Instagram: @einweisungsgrundherumtreiberei

15.07. | 17 Uhr Ausstellungseröffnung

Den Auftakt bildet die feierliche Ausstellungseröffnung am Dienstag, 15. Juli 2025, um 17 Uhr in der DuG Rostock. Grußworte und Beiträge geben Einblicke in die Anliegen der Aufarbeitung und führen in die Ausstellungen ein. Anschließend finden Rundgänge durch die Ausstellungen statt.

 

Programm

  • Beiträge von Cathleen Mendle-Annuschkewitz (Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rostock)

  • Dr. Steffi Brüning (Leiterin der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock)

  • Dr. Lars Tschirschwitz (Stellv. Landesbeauftragter für MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)

  • Anschließend Ausstellungsrundgänge mit Hannes Schneider (Gedenkstätte GJWH Torgau)

Ab 15.07 | Veranstaltungsreihe „Ich will nicht hinter Gittern leben“ 

Begleitend zur Rostocker Station findet eine Veranstaltungsreihe mit Gesprächen, Filmvorführung, Beratungsangeboten und einem Workshop statt.

 

  • 22.07. | 18 Uhr Betroffenengespräch (DuG) – Gespräch mit zwei Betroffenen der repressiven DDR-Heimerziehung bzw. Venerologischen Stationen. Begrüßung: Burkhard Bley. Moderation: Juliane Weiß.
  • 29.07. | 19 Uhr Film & Gespräch – „Trauma ‚Tripperburg‘ – Gewalt gegen Frauen in der DDR“ (Dokumentarfilm, 2023) mit anschließendem Gespräch. Ort: Lichtspieltheater Wundervoll, Frieda 23, 18057 Rostock.
  • 05.08. | 13–17 Uhr Beratungsnachmittag für Betroffene (DuG) – mit Mareen Joachim und dem Stasi-Unterlagen-Archiv. Anmeldung: post@lamv.mv-regierung.de 
  • 12.08. | 16–17:30 Uhr Erzählcafé – für betroffene Frauen der Geschlossenen Venerologischen Stationen (auch Angehörige und Interessierte willkommen). Ort: Rathaus-Anbau, Beratungsraum 1a.
  • 12.08. | 18 Uhr Vortrag – „Die Geschlossene Venerologische Station in Rostock“ (Dr. Steffi Brüning) mit anschließendem Rundgang. Anmeldung: gleichstellungsbeauftragte@rostock.de  Ort: Rathaus Rostock.
  • 14.08. | 16:30 Uhr Online-Workshop – „Disziplinierung und sexualisierte Gewalt in DDR-Umerziehungseinrichtungen – Strukturen, Erfahrungen und Verantwortung bis heute“. Anmeldung: info@einweisungsgrund-herumtreiberei.de 

Geschichte

Durchgangsheim Rostock-Bramow

Das Durchgangsheim wird um 1951 in der Carl-Hopp-Straße 4 in Rostock-Bramow neben einem Hilfsschulheim eröffnet. Obwohl es nur acht Plätze hat, ist es in den 1960er Jahren zeitweise mit 35 Mädchen und Jungen belegt.  Jährlich durchlaufen bis zu 190 Minderjährige das Heim.

 

Die Schlafräume im Heim bleiben nachts verschlossen. Einen Notruf gibt es nicht. Auch tagsüber ist stundenweise kein Personal vor Ort, sodass die Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit ohne Aufsicht eingeschlossen sind. Prügelstrafen und andere ehrverletzende Strafen sind für die 1960er Jahre belegt.

 

Ende der 1980er Jahre wird das Durchgangsheim wahrscheinlich nach Rostock-Schmarl verlegt. Das Gebäude in der Carl-Hopp-Straße existiert heute nicht mehr.

Rostock Transit Home

The transit home opens around 1951 at 4 Carl-Hopp-Straße in Rostock-Bramow, next to an auxiliary school home. Although it only has eight places, in the 1960s it is temporarily occupied by 35 girls and boys. Up to 190 minors pass through the transit home every year.


The dormitories remain locked at night. There is no emergency call system. During the day, staff would be absent for hours at a time, leaving the minors locked in without supervision. Beatings and dishonouring punishments are documented from the 1960s.


By the end of the 1980s, the transit centre probably moves to Rostock-Schmarl. The building in Carl-Hopp-Straße no longer exists today.

Das Normalkinderheim „Egon Schultz“ in Rostock-Lichtenhagen

Das Kinderheim „Egon Schultz“ ist ein staatliches Normalkinderheim in Rostock-Lichtenhagen. Dort werden Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 18 Jahren eingewiesen, etwa weil sie elternlos sind oder aus Sicht der Jugendhilfe als gefährdet gelten. Über Normalkinderheime ist bislang insgesamt wenig geforscht; auch zu dieser Einrichtung liegen bisher nur wenige Informationen vor.

 

Am 23. März 1981 wird die erste Bewohnerin aufgenommen. Der Vorschulteil wächst rasch, und die Belegung des gesamten Heims steigt auf rund 140 Kinder und Jugendliche. Der Tagesablauf ist streng reglementiert; auf Ordnung und Sauberkeit wird großer Wert gelegt. Das pädagogische Personal arbeitet in zwei Schichten, nachts betreuen zwei Nachtwachen die Kinder. Politisch-ideologische Erziehung und Kollektiverziehung spielen im Heimalltag eine zentrale Rolle.

 

Nach 1990 folgt eine Phase der Neuorientierung. Im Oktober 1992 übernimmt der ASB Landesverband Mecklenburg-Vorpommern die Einrichtung, später wird sie in dezentrale Wohngruppen umstrukturiert und das Angebot erweitert.

Vom 26. August bis zum 11. September 2025 ist die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Rühn auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Rühn zu sehen. Am historischen Ort des Jugendwerkhofs „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) setzt das mobile Denkzeichen der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau einen Impuls für die lokale Auseinandersetzung mit der repressiven Heimerziehung in der DDR. Die Präsentation erfolgt in Kooperation mit dem Klosterverein Rühn e.V.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 26. August – 11. September 2025
Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
Ausstellungsort: Klosterverein Rühn e.V., Klosterhof 1, 18246 Rühn

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Jugendwerkhof Rühn 

Der Jugendwerkhof „Neues Leben“ (später: „Willy Schröder“) wird am 1. März 1950 im ehemaligen Kloster Rühn eingerichtet. In den 1960er Jahren entwickelt sich die Einrichtung zu einem Jugendwerkhof mit rund 130 Plätzen sowie Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow. Im Mai 1962 wird dem Jugendwerkhof zudem ein „Durchgangsheim“ angeschlossen.

 

Missstände und Machtmissbrauch prägen den Alltag im Jugendwerkhof. Schwerstarbeit, fehlende Ausbildungsnachweise trotz mehrjähriger Aufenthalte und das Unterschlagen von Taschengeld sind belegt. 1960 stehen drei Erzieher wegen Körperverletzung und sexueller Übergriffe vor Gericht. 1990 wird der Jugendwerkhof aufgelöst. Heute gehört der Gebäudekomplex dem Klosterverein Rühn e.V.

Digitales Begleitmaterial:

Digitales Zeitzeugenporträt über Marno, der als junger Mensch im Jugendwerkhof Rühn untergebracht war. Die Videos geben Einblicke in persönliche Erfahrungen und das Leben im Heim.

Marno #1 – Der Grübler


Marno ist eigentlich ein hochbegabtes Kind – doch seine Lehrer erkennen in seiner Unruhe nicht Neugierde, sondern stempeln ihn stattdessen früh als „Zappelphilipp“ ab. Zu Hause haben die beiden berufstätigen Eltern nur wenig Zeit für ihn, fordern
ihm aber gleichzeitig viel ab. Mit Verhaltensauffälligkeiten versucht er, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen – ohne Erfolg. Dafür wird jetzt das Referat Jugendhilfe auf ihn aufmerksam…

Marno #2 – Das Abenteuer

Das Referat Jugendhilfe ordnet eine ärztliche Untersuchung für Marno an. In deren Zuge wird ihm ein frühkindlicher Hirnschaden infolge von Sauerstoffmangel attestiert. Marno gilt von nun an als verhaltensgestört. Es erfolgt seine Einweisung in das Spezialkinderheim „Waldfrieden“ bei Loitsche. Der siebenjährige Marno hofft auf ein großes Abenteuer. Doch das Heim etabliert vom ersten Tag an einen rigorosen Drill. Er fängt an, auszubrechen. Wäre da nicht dieser unheimliche Wald…

Marno #3 – Tropfen und Pillen

Als Reaktion auf seine Fluchtversuche beschließt das Personal aus dem Spezialkinderheim „Waldfrieden“ Marnos Therapierung mit starken Medikamenten. Sie lassen Marno träge werden, beeinträchtigen sein Konzentrationsvermögen. Seinen Eltern darf er davon nichts erzählen. Was im Heimalltag passiert, darf nicht nach außen getragen werden.

Marno #4 – Die Therapie

Im Alter von elf Jahren kommt Marno ins Sonderheim Werftpfuhl, ein Heim für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie. Doch der Titel hält nicht, was er verspricht. Dem Personal fehlt es an dem nötigen Fachwissen, die Kinder bekommen keine therapeutische Förderung. Auch ist der Heimalltag in Werftpfuhl um einiges rigider als in Loitsche. Marno ist einmal mehr Einzelgänger, kann sich niemanden anvertrauen, unternimmt wieder Fluchtversuche. Aber wohin soll er nur gehen?

Marno #5 – Fische im Mund

Marno kommt ins Spezialkinderheim Borgsdorf, Kreis Oranienburg. Er wird fast die nächsten drei Jahre in dem Heim verbringen. Dort trifft er zum ersten Mal auf einen Psychologen, dem er scheinbar vertrauen kann und der ihm helfen will. Der Versuch geht jedoch nach hinten los.

Auch seine Eltern zeigen sich enttäuscht von ihm, äußern kaum mehr das Bedürfnis, ihn zu sehen. Doch auch Marno verliert aufgrund der schwierigen Situation zunehmend sein Vertrauen in sie.

Marno #6 – Die Puppe

Mit 14 Jahren wird Marno in den Jugendwerkhof „Neues Leben“ in Rühn eingewiesen. Hier erreichen physische und psychische Gewalt eine neue Stufe. Ohne Rücksicht muss Marno knochenharte Feldarbeit verrichten.

Neben einem sadistischen Erzieher sind es insbesondere die Bestrafungen der Jugendlichen durch das Heimkollektiv, die Marno verstören.

Wo ist er hier nur gelandet?

 

Marno #7 – In Torgau

Marno wird Entweichung, Kircheneinbruch und Diebstahl vorgeworfen. Zur Strafe erfolgt seine Einweisung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

Schon beim bloßen Anblick ist Marno von dem großen Gefängnistor, den Gittern vor den Fenstern und den hohen Mauern eingeschüchtert. In seiner Arrestzelle vernimmt er für den Ort ungewöhnliche Geräusche…

Marno #8 – Handabdrücke

Der Aufenthalt in Torgau setzt Marno zunehmend zu. Nie hätte er sich gedacht, dass ein Heim das bisher Erlebte übertreffen könnte. Aber Torgau ist genau dieser Ort.

Als Asthmatiker hat er Probleme, bei dem vielen Sport mitzuhalten, der in Torgau praktiziert wird. Sich mit jemanden zu solidarisieren, Freundschaft zu schließen, ist nicht. Hier ist ein jeder auf sich allein gestellt.

Marno #9 – Nicht mehr können

Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kommt Marno wieder in den Jugendwerkhof zurück. Weil er auch von dort mehrmals entweicht, wird seine erneute Einweisung nach Torgau beschlossen.

Kurz vor seinem Transport trifft Marno einen tiefgreifenden Entschluss…

Marno #10 – Urteil

Nach seinem Suizidversuch wird Marno mit 17 Jahren aus der Heimerziehung entlassen.

Nach all den Jahren zieht er wieder bei seinen Eltern ein, aber es funktioniert nicht. Die Distanz zwischen ihm und seiner Familie ist zu groß geworden. Dann lernt er die falschen „Freunde“ kennen, fängt an, regelmäßig das Gesetz zu brechen. Als er scheinbar nicht mehr tiefer fallen kann, erreicht ihn eine unverhoffte Entscheidung.

Marno #11 – Vater und Sohn

Heute lebt Marno gesetzestreu, interessiert sich noch immer für Aquaristik, hat einen kleinen Laden, in dem ihm auch sein Sohn zur Hand geht.

 

Der alleinerziehende Vater versucht in Sachen Erziehung sein Bestes, doch oft holt ihn seine Heimvergangenheit ein.

 

Vom 15. Oktober bis zum 11. November 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG auf dem Stéphane-Hessel-Platz in Weimar zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar (DNT) anlässlich des 35. Jahrestages der Friedlichen Revolutionund ergänzte die künstlerische Auseinandersetzung DNT mit dem Thema repressive DDR-Heimerziehung.

 

Auf die Arbeit der Gedenkstätte wurde das DNT im Zuge der Recherche für die Produktion „Jenseits der Blauen Grenze“ aufmerksam. Die Inszenierung basiert auf dem Jugendroman von Dorit Linke. Auch in Thomas Freyers Stück „dumme Jahre“ spielt das Thema eine zentrale Rolle: Eine Figur verarbeitet traumatische Erfahrungen aus Durchgangs- und Spezialkinderheimen – und macht sichtbar, wie tief diese Erlebnisse nachwirken.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. Oktober – 11. November 2024
Öffnungszeiten: Freitag bis Dienstag sowie an Feiertagen, 13–18 Uhr
Standort: Stéphane-Hessel-Platz, 99423 Weimar

 

Der Eintritt ist frei.

02.11.–13.11. | Theaterprogramm in Begleitung der »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG«

Im Zeitraum vom 2. bis 13. November 2024 begleitet die »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« das Theaterprogramm des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Im Zentrum stehen die Produktionen »dumme Jahre« von Thomas Freyer und »Jenseits der Blauen Grenze« nach dem Jugendroman von Dorit Linke. Die Aufführungen und begleitenden Formate greifen das Thema repressive DDR-Heimerziehung auf und schaffen Räume für Austausch und Reflexion.

  • 02.11. / 19:30 Uhr – Vorstellung »dumme Jahre« – Im Anschluss Nachgespräch zum Thema „Repressive DDR-Heimerziehung“ mit Zeitzeug:innen

  • 05.11. / 19:00 Uhr – Wiederaufnahme »Jenseits der Blauen Grenze«

  • 06.11. / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«

  • 13.11.  / 10:00 Uhr – Vorstellung »Jenseits der Blauen Grenze«

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 
Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

 

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 

HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim.

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

Vom 30. April bis zum 13. Juni 2024 war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG Erfurt in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit DENKOrte, dem Gesprächskreis Betroffene der DDR-Heimerziehung, der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße sowie dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte Matthias Domaschk.

 

In der thüringischen Landeshauptstadt erinnerte die Ausstellung zudem an das 1963 eingerichtete Durchgangsheim Erfurt in der Winzergasse 21.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 30. April – 13. Juni 2024

Öffnungszeiten:
Dienstag: 12 bis 20 Uhr
Mittwoch: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 12 bis 20 Uhr
Freitag: 10 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 10 bis 18 Uhr

Ausstellungsort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Der Eintritt ist frei.

13.06. | 18 Uhr Finissage | Buch im Kubus: Manfred May »edition H«

Ort: Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a, 99084 Erfurt

 

Zur  feierlichen Abschlussveranstaltung am 13. Juni 2024 um 18 Uhr las Manfred May aus seiner Publikationsreihe „edition H“, die Selbstzeugnisse und Quellen zur repressiven DDR-Heimerziehung versammelt.

 

Manfred May war viele Jahre Ansprechpartner für ehemalige DDR-Heimkinder in Thüringen. May ist Künstler, seine Ausstellungen 2014 und 2018 in der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße waren inspiriert von sehr persönlichen Gaben Betroffener und bedrückenden Funden in Archiven.

 

Vor der Lesung wird der Dokumentarfilm »Verlorene Zeit« des Jenaer Filmemachers Torsten Eckold und der Historikerin Stefanie Falkenberg über das Durchgangsheim Schmiedefeld gezeigt.

Geschichte

Im Raum Thüringen existieren vor 1961 insgesamt sechs Jugendwerkhöfe, nach dem Mauerbau steigt ihre Zahl auf neun an. 1989 gibt es in der DDR 32 Jugendwerkhöfe, davon sieben im Raum Thüringen. Hinzu kommen über 100 Normalheime und Spezialkinderheime sowie mindestens drei Durchgangsheime in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl. Auch in Kraftsdorf und in Eisenach vermutet man Durchgangsheime. Die Aufarbeitung steht vielerorts noch am Anfang.

Durchgangsheim Erfurt

1963 wird in Erfurt in der Winzergasse 21 ein Durchgangsheim eingerichtet. In den Durchgangsheimen der DDR werden Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht.

 

Unhaltbare Zustände im Durchgangsheim Erfurt

1973/1974 findet im Bezirk Erfurt eine großangelegte Kontrolle aller 32 Kinder- und Jugendheime durch die Arbeiter- und Bauerninspektion statt, da es sich

 

um einen Abschnitt unserer gesellschaftlichen Entwicklung handelt, der zurückgeblieben ist und in politischer, ideologischer, sozialer, pädagogischer, kultureller und materieller Hinsicht einen Nachholebedarf aufweist.“

Dabei werden auch teils gravierende Mängel im Durchgangsheim Erfurt erfasst, wie Zitate aus dem Kontrollbericht belegen:

 

„Bei dem Heim handelt es sich um eine geschlossene Einrichtung mit vergitterten Fenstern und ständig verschlossenen Haus- und Zimmertüren.“

 

„Die Isolierzimmer haben als Lichtquelle mit Glasziegeln vermauerte Fenster, so daß eine direkte Belüftung nicht möglich ist.“

 

„Bei Ausbruch eines Brandes gibt es keine Möglichkeit, die Kinder schnellstens und gefahrlos aus der Einrichtung zu bringen.“

 

Weitere Passagen des Berichts charakterisieren unhaltbare Zustände, zum Beispiel die Aufenthaltsdauer von mehreren Monaten und der dadurch bedingte völlig unzureichende Schulunterricht. Mangelhafte gesundheitliche Versorgung, schlechte Ernährung aufgrund unqualifizierter Küchenkräfte und der achtlose Umgang mit dem Eigentum der Eingewiesenen sind weitere Kritikpunkte:

 

„in mind. 75 Fällen [ist] die Abgabe und in weiteren 20 Fällen die Rückgabe persönlicher Gegenstände und Mittel der Heimkinder nicht quittiert worden. Dabei handelt es sich u.a. um 2 Sparbücher, Bargeld, 3 Radios, 8 Uhren, Schmuck u.a.“

 

„Am 29.01.1973 kam es zu einem Massenausbruch von 15 Jugendlichen. Auf Grund dieses Vorkommnisses wurden durch die Volkspolizei entsprechende Sicherungsmaßnahmen vorgeschlagen und angeregt.“

 

Die Erziehungsmethoden und die geschlossene Unterbringung im Durchgangsheim Erfurt wird von Arbeiter- und Bauerinspektion hingegen nicht in Frage gestellt.

 
HEIM-STADT Erfurt

Telefonbücher aus den 1950er und 1960er Jahren weisen eine Fülle an Kinderheimen in Erfurt aus. Der Zeit entsprechend waren es vor allem Waisenheime, die sich zum großen Teil in Trägerschaft der beiden christlichen Kirchen befanden. 1947 und 1948 werden ein katholisches Waisenhaus in der Regierungsstraße 44 und ein Evangelisches Waisenhaus in der Comthurgasse 8 genannt. Hinzukommen Mädchenheime, ein Mütter- und Kinderheim und ein Säuglingsheim. 

 

Ein weiteres Kinderheim findet sich unter der Adresse Cyriaksburg. Das Telefonbuch von 1954 weist noch elf konfessionelle Heime aus. Hinzu kommen fünf städtische Heime. Darunter befindet sich auch ein Kinderheim in der Winzerstraße 21. Unter dieser Adresse wurde später das Durchgangsheim des Rates des Bezirkes Erfurt eingerichtet. Die gleichen städtischen Heime finden sich auch 1961, hinzu gekommen sind ein Kinderwochenheim und drei Wochenkrippen.

Quellen

Auszüge aus dem Kontrollbericht der Arbeiter-und-Bauerninspektion (ABI) über das Durchgangsheim Erfurt 1973/74.

Nach dem ersten Standort in Dresden im Rahmen der Jugendgeschichtstage war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG vom 

28. November bis zum 7. Dezember 2023 auf dem Gelände des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sehen. Dort eröffnete am 28. November 2023 die Sächsische Staatsministerin Petra Köpping die Ausstellung mit einem Grußwort.


Bis zum 7. Dezember 2023 erinnerte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG an die Geschichte des Dresdner Durchgangsheims, das nach mehreren Umzügen bis 1987 in der Togliattistraße 30 (heute Glacisstraße) untergebracht war.


Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 28. November bis 7. Dezember 2023
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10 bis 16 Uhr
Ausstellungsort: Gelände des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Albertstraße 10, 01097 Dresden (Zugang zur Ausstellung über die Erich-Ponto-Straße)


Der Eintritt ist frei.

28.11. | 14:30 Uhr Eröffnungsveranstaltung

Ort: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Albertstraße 10, 01097 Dresden

 

Programm 

  • Grußwort der Staatsministerin Petra Köpping, Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
  • Grußwort der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau / Vorstellung des Projektes BLACKBOX HEIMERZIEHUNG 
  • Moderiertes Zeitzeugengespräch

Anschließend Rundgang und Zeit für einen persönlichen Austausch.

Geschichte

Durchgangsheim Dresden 

Am Steinberg 5 in Dresden-Wachwitz wird 1951 ein Durchgangsheim eröffnet. Im Laufe der Jahre zieht es mehrfach um, 1963 in die Döbelner Straße 54 und 1977 

in die Togliattistraße 30 (heute Glacisstraße) mitten in die Dresdener Innenstadt. Das Durchgangsheim bietet

etwa 30 Plätze für minderjährige Mädchen und Jungen.  

Aufgrund strenger Vorschriften sind Durchgangsheime gefängnisähnliche Einrichtungen und eine Unterbringung bedeutet immer einen Freiheitsentzug. 

 

Im Durchgangsheim Dresden sind die Räume nachts verschlossen und die Fenster vergittert. Es gibt Arrestzellen und eine Signalanlage, die mit der nächsten Polizeistation verbunden ist. Gewaltanwendungen, Suizid- und Fluchtversuche sind dokumentiert.

Im Jahr 1987 wird das Durchgangsheim Dresden im Zuge einer Neuorganisation aller DDR-Durchgangsheime geschlossen.

Durchgangsheime in der DDR 

In Durchgangsheimen sind Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren vorübergehend untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht. Eine vorläufige Unterbringung von bis zu 18 Tagen ist vorgesehen. In der Praxis dauert der Aufenthalt jedoch oft mehrere Monate.

Bilder Durchgangsheim Dresden 

Durchgangsheim in der Togliatti (Glacisstraße) 30 in Dresden-Neustadt, 1988

English Version 

Dresden transit home

Transit homes were part of the GDR’s system of special homes and were usually prison-like facilities to accommodate children and juveniles temporarily.

In 1951, a transit home was established at Am Steinberg 5 in Dresden-Wachwitz. Over the years, it changed addresses several times, moving to Döbelner Strasse 54 in 1963 and to Togliattistrasse 30 (today’s Glacisstrasse), in Dresden’s city centre, in 1977. The transit home provided space for 30 juvenile girls and boys.

Due to the strict security regulations, transit homes were similar to prisons and always meant depriving the children of their freedom. At the Dresden transit home, rooms were locked at night and the windows were barred. There was an arrest cell and a signal system connected to the nearest police station. Documents show evidence of violence, as well as attempted suicides and escapes. In 1987, the Dresden transit home was closed during the reorganisation of all GDR transit homes.

Transit homes

Children and juveniles aged 3 to 18 were accommodated in the GDR’s transit homes until a decision was made about their futures. They included minors who had run away from home because it was too dangerous for them to remain with their parents. Others were due to be housed in more permanent homes, but were still waiting to be allocated a place. Due to the strict security regulations, transit homes were similar to prisons and always meant depriving the children of their freedom. After their official closure in 1987, some facilities continued to operate as transit facilities.

Vom 23. bis 24. November 2023 gastierte die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG in Dresden im Rahmen der Jugendgeschichtstage auf dem Vorplatz des Sächsischen Landtags. Anschließend zog die Ausstellung an ihren zweiten Dresdner Standort auf das Gelände des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

In der sächsischen Hauptstadt erinnert die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG an die Geschichte des Dresdner Durchgangsheims, das nach mehreren Umzügen bis 1987 in der Togliattistraße 30 (heute Glacisstraße) untergebracht war.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 23. bis 24. November 2023

Öffnungszeiten: 11.30 bis 16 Uhr

Ausstellungsort: Vorplatz Sächsischer Landtag, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1, 01067 Dresden

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Durchgangsheim Dresden 

Am Steinberg 5 in Dresden-Wachwitz wird 1951 ein Durchgangsheim eröffnet. Im Laufe der Jahre zieht es mehrfach um, 1963 in die Döbelner Straße 54 und 1977 

in die Togliattistraße 30 (heute Glacisstraße) mitten in die Dresdener Innenstadt. Das Durchgangsheim bietet

etwa 30 Plätze für minderjährige Mädchen und Jungen.  

Aufgrund strenger Vorschriften sind Durchgangsheime gefängnisähnliche Einrichtungen und eine Unterbringung bedeutet immer einen Freiheitsentzug. 

 

Im Durchgangsheim Dresden sind die Räume nachts verschlossen und die Fenster vergittert. Es gibt Arrestzellen und eine Signalanlage, die mit der nächsten Polizeistation verbunden ist. Gewaltanwendungen, Suizid- und Fluchtversuche sind dokumentiert.

Im Jahr 1987 wird das Durchgangsheim Dresden im Zuge einer Neuorganisation aller DDR-Durchgangsheime geschlossen.

Durchgangsheime in der DDR 

In Durchgangsheimen sind Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren vorübergehend untergebracht, bis über ihren weiteren Lebensweg entschieden wird. Darunter befinden sich Minderjährige, die von zu Hause weggelaufen oder aus einem Heim geflohen sind, die aufgrund einer Gefährdungssituation nicht länger im Elternhaus verbleiben können oder für die ein Heimaufenthalt bereits beschlossen wurde, aber noch kein Heimplatz zur Verfügung steht. Eine vorläufige Unterbringung von bis zu 18 Tagen ist vorgesehen. In der Praxis dauert der Aufenthalt jedoch oft mehrere Monate.

Bilder Durchgangsheim Dresden

Durchgangsheim in der Togliatti (Glacisstraße) 30 in Dresden-Neustadt, 1988

English Version 

Dresden transit home

Transit homes were part of the GDR’s system of special homes and were usually prison-like facilities to accommodate children and juveniles temporarily.

In 1951, a transit home was established at Am Steinberg 5 in Dresden-Wachwitz. Over the years, it changed addresses several times, moving to Döbelner Strasse 54 in 1963 and to Togliattistrasse 30 (today’s Glacisstrasse), in Dresden’s city centre, in 1977. The transit home provided space for 30 juvenile girls and boys.

Due to the strict security regulations, transit homes were similar to prisons and always meant depriving the children of their freedom. At the Dresden transit home, rooms were locked at night and the windows were barred. There was an arrest cell and a signal system connected to the nearest police station. Documents show evidence of violence, as well as attempted suicides and escapes. In 1987, the Dresden transit home was closed during the reorganisation of all GDR transit homes.

Transit homes

Children and juveniles aged 3 to 18 were accommodated in the GDR’s transit homes until a decision was made about their futures. They included minors who had run away from home because it was too dangerous for them to remain with their parents. Others were due to be housed in more permanent homes, but were still waiting to be allocated a place. Due to the strict security regulations, transit homes were similar to prisons and always meant depriving the children of their freedom. After their official closure in 1987, some facilities continued to operate as transit facilities.

Vom 17. Juli bis 14. August war die BLACKBOX HEIMERZIEHUNG in Schwerin zu sehen. Die Präsentation erfolgte in Kooperation mit der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.

 

Im Mittelpunkt standen dabei auch die Geschichte des Durchgangsheims am heutigen Franzosenweg 6 sowie des Jugendwerkhofs „Willi Schröder“ in Rühn.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 17. Juli – 14. August 2023

Standorte: 18. und 19. Juli: Schlachtermarkt, 19055 Schwerin
20. Juli bis 14. August: Am Pfaffenteich (Südufer), 19053 Schwerin

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr

 

Der Eintritt ist frei.

Eröffnungsveranstaltung: 18.07. | 11 Uhr

Programm:

  • Grußwort Anne Drescher, Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Einführung und Präsentation der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG, Dr. Christian Gaubert (Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau)

Im Anschluss besteht die Möglichkeit zum Austausch und zur Besichtigung der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG.

20.07. | 18 Uhr „Umerziehung in DDR-Spezialheimen“

Programm

  • Grußwort: Anne Drescher, Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Projektvorstellung „BLACKBOX HEIMERZIEHUNG“: Dr. Christian Gaubert, Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
  • Impulsvortrag: Umerziehung in DDR-Spezialheimen – Historischer Kontext: Burkhard Bley, stellv. Landesbeauftragter für MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur

Anschließend Gespräch und Erfahrungsaustausch | Besichtigung der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG

Geschichte

DURCHGANGSHEIM
am Schweriner See

In der Villa am heutigen Franzosenweg Nr. 6 wird in den 1950er Jahren zunächst ein Kinderheim eingerichtet, das später in ein Jugendwohnheim umgewandelt wird. Ab den 1960er Jahren beherbergt die Villa zusätzlich eine sogenannte „Durchgangsstation“. Diese gilt formal als eigenständige Einrichtung und verfügt dabei über separate Räumlichkeiten, zu denen unter anderem das vergitterte und zu Isolationszwecken genutzte Turmzimmer zählt.

 

Das Durchgangsheim hat eine Kapazität von zehn Plätzen, die vor allem der vorübergehenden, fluchtsicheren Unterbringung von Kindern und Jugendlichen dienen sollen, die aus anderen Heimen ausgerissen sind. Oftmals werden darüber hinaus auch Kinder hier untergebracht, für die noch kein Heimplatz verfügbar ist. Meist sind es Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren, die eingewiesen werden. Allerdings müssen auch wesentlich jüngere Kinder die haftähnlichen Bedingungen des Durchgangsheims aushalten: So sind beispielsweise 1963 insgesamt 91 Minderjährige in der Villa am Schweriner See untergebracht, darunter sechs Kinder im Alter unter sechs Jahren.

 

Die Personalsituation ist dauerhaft angespannt. Denn Mitte der 1960er Jahre verfügt das Durchgangsheim über keinen festen Personalbestand. Kinder und Jugendliche werden deshalb von den Mitarbeitenden des Jugendwohnheims „mitbeaufsichtigt“. Zudem werden zur Betreuung jüngerer Kinder systematisch Mädchen aus dem Jugendwohnheim eingesetzt.

 

Schließlich wird das Durchgangsheim in Schwerin 1987 geschlossen. Anschließend dient die Immobilie bis Ende 1990 als Kindergarten. Heute befindet sich die Villa in Privatbesitz und wird als Ferienwohnung vermietet.

JUGENDWERKHOF
„WILLI SCHRÖDER“ in Rühn

1950 wird auf dem Gelände des Klosters Rühn der Jugendwerkhof „Neues Leben“ eingerichtet. Drei Jahre später erhält der Jugendwerkhof dann den Namen „Willi Schröder“. Durch seine ländliche Lage werden hier vor allem Jugendliche zur „Umerziehung“ eingewiesen, die als „schwer erziehbar“ und besonders fluchtgefährdet eingestuft werden. Zudem befanden sich hinter diesen Gittertüren im Jugendwerkhof zwei Isolierzellen.

 

Bereits 1953 verfügt der Jugendwerkhof über eine Kapazität von 110 Plätzen für Jungen und Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren. In den 1960er Jahren kommen zusätzlich Außenstellen in Eickelberg, Bandow, Tarnow und Malchow hinzu. Dadurch erhöht sich die Aufnahmekapazität ab 1969 auf 180 Plätze.

 

Während ihres Aufenthaltes müssen die Jungen eine Teilfacharbeiterausbildung unter anderem als Maurerhelfer oder Helfer in umliegenden landwirtschaftlichen Betrieben absolvieren. Die Mädchen werden hingegen als Industrienäherinnen in den Möbelwerken Bützow eingesetzt.

 

1991 wird der Jugendwerkhof vollständig aufgelöst. Anschließend geht das Klosterareal in Privatbesitz über und wird seit 2008 durch den „Klosterverein Rühn e.V.“ restauriert sowie als Veranstaltungsort betrieben.

Vom 27. Mai bis zum 16. Juli 2023 war die »BLACKBOX HEIMERZIEHUNG« in Burg (bei Magdeburg) auf dem Rolandplatz zu sehen. Am Ort des größten Jugendwerkhofs der DDR machte die Ausstellung die Geschichte der repressiven DDR-Heimerziehung sichtbar und erinnerte an die Schicksale ehemaliger Heimkinder. In Kooperation mit dem Cornelius-Werk Diakonische Hilfen gGmbH, der Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stadt Burg setzte die Station einen Impuls für die Auseinandersetzung mit der Heimgeschichte vor Ort. Im Mittelpunkt stand dabei der Jugendwerkhof „August Bebel“.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 27. Mai – 16. Juli 2023
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr

Ausstellungsort: Rolandplatz, 39288 Burg (Sachsen-Anhalt)

 

Der Eintritt ist frei.

 

27.05. | 16 Uhr Eröffnungsveranstaltung

Die Eröffnungsveranstaltung fand auf dem Rolandplatz in Burg statt. Begleitet wurde sie von Grußworten des Bürgermeisters Philipp Stark und der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt Birgit Neumann-Becker.

 

 

Programm

 

  • Grußwort Phillipp Stark (Bürgermeister der Stadt Burg b. Magdeburg)
  • Grußwort Birgit Neumann-Becker (Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt)
  • Zur Geschichte des Jugendwerkhofs „August Bebel“, Dr. Steffen Meyer (Dachstiftung Diakonie) / Stefan Böhme (Geschäftsführung Cornelius-Werk Jugendhilfe)
  • Zum Projekt „Blackbox Heimerziehung“, Dr. Christian Gaubert (Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau)

Im Anschluss bestand die Möglichkeit zum persönlichen Austausch und zur Besichtigung der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG.

 

05.07. | 17:30 Uhr Filmvorführung „Sabine Wulff“

In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte und der Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur präsentierte das Burg Theater den DEFA-Film „Sabine Wulff“. Die Filmvorführung fand am 5. Juli 2023 um 17:30 Uhr im KINO BURG THEATER (Magdeburger Str. 4, 39288 Burg) statt. Im Anschluss bestand die Möglichkeit zum Gespräch sowie zur Besichtigung der BLACKBOX HEIMERZIEHUNG.

Zum Film – SABINE WULFF

Regie: Erwin Stranka, 91 Min., Farbe, Spielfilm, DDR, DEFA-Studio für Spielfilme, 1978.

 

Sabine Wulff (gespielt von Karin Düwel), die von ihrem Freund zum Zigarettendiebstahl angestiftet wurde, wird 18-jährig aus dem Jugendwerkhof entlassen. Zu ihren Eltern möchte sie nicht zurück. Sie sucht sich eine Wohnung und nimmt eine Arbeit in der Schuhfabrik auf. Ihren Freund Jimmy (Manfred Ernst) liebt sie noch immer. Der Film fragt nach den Schwierigkeiten bei der Eingliederung einer jungen Frau in die DDR-Gesellschaft nach einem 18-monatigen Aufenthalt in einem Jugendwerkhof:

Wie verhalten sich Mitmenschen ihr gegenüber? Erleichtern sie ihr den Neustart oder erschweren sie ihn? Wie verhält sich das Mädchen selbst? Mit welchen Vorurteilen sieht sie sich konfrontiert?

 

Szenenfotos: Sabine Wulff, Deutsche Demokratische Republik (DDR) 1978. SABINE WULFF © DEFA-Stiftung, Dieter Jaeger.

Link: Trailer auf dem Youtube-Kanal der DEFA-Stiftung

Hintergrund

Die Dreharbeiten fanden zwischen dem 5. September und 8. Dezember 1977 statt. Gedreht wurde u. a. in Burg bei Magdeburg – im dortigen Jugendwerkhof „August Bebel“ und in der VEB Schuhfabrik „Roter Stern“. Weitere Aufnahmen entstanden in Berlin, Potsdam und Nauen. Premiere feierte die Produktion am 9. November 1978 im Berliner Kino Kosmos.

Link: Zur Website des KINO BURG THEATER | Zur Website der Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Geschichte

Jugendwerkhof „August-Bebel“ in Burg

Der Jugendwerkhof „August Bebel“ wurde 1949 in einer ehemaligen Landeserziehungsanstalt auf dem Gut Lüben in Burg eingerichtet. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Einrichtung zum größten Jugendwerkhof der DDR. Zeitweise waren dort bis zu 360 Jugendliche untergebracht – etwa ein Drittel Jungen und zwei Drittel Mädchen. Erst Mitte der 1980er Jahre wurde der Jugendwerkhof verkleinert.

 

Auffällig ist die hohe Zahl an Fluchtversuchen: Allein 1962 versuchten 211 Jugendliche zu entkommen. Ende der 1970er Jahre dauerte der Aufenthalt für viele Jugendliche bis zu einem Jahr. Zugleich gab es Jugendliche, die drei Jahre und länger im Jugendwerkhof bleiben mussten – in Einzelfällen sogar bis zu sieben Jahre und darüber hinaus.

 

Zum Alltag gehörte der Arbeitseinsatz in Betrieben der Umgebung. Jugendliche arbeiteten unter anderem im VEB Knäcke-Werke Burg. Wie in den Jugendwerkhöfen üblich, erhielten sie außerdem nur Teilausbildungen: Jungen waren beispielsweise in der Schuhfabrik „Roter Stern“ eingesetzt, Mädchen unter anderem im Werk Burg des VEB Volltuchwerke Crimmitschau. Ein interner Bericht kritisierte 1981 zudem die Qualität der Ausbildung in zwei Betrieben, weil die Jugendlichen dort vor allem zu Hilfsarbeiten herangezogen wurden.

 

 

Am 15. September 2022 begleitete die Wanderausstellung BLACKBOX HEIMERZIEHUNG der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof (GJWH) Torgau die Demokratie-Messe in Plauen. Als mobiles Denkzeichen und interaktiver Lernort informiert die Ausstellung über die Geschichte der repressiven DDR-Heimerziehung. Insbesondere wird auf die Geschichte von zwei Spezial-heimen zur Umerziehung in unmittelbarer Nähe der größten Stadt im sächsischen Vogtland aufmerksam gemacht.

 

Begleitet und unterstützt wurde die Präsentation vor Ort durch den Plauener Verein colorido e.V.

 

Ausstellungsdaten

 

Zeitraum: 15. September 2022

Ausstellungsort: Demokratie-Messe in Plauen

 

Der Eintritt ist frei.

Geschichte

Spezialkinderheim „Friedenswacht“
Triebel

1951 eröffnet in Triebel das Kindererziehungsheim „Friedenswacht“. Bereits 1952/1953 erfolgt die Umstrukturierung zum Spezialkinderheim. Insgesamt bietet die Einrichtung Platz für bis zu 45 Jungen im Alter von 6 bis 14 Jahren. 1968 wird das Heim schließlich aufgelöst. In den folgenden Jahrzehnten nutzt das Ministerium für Staatssicherheit den Gebäudekomplex als Kinderferienlager. Heute befindet sich dort ein buddhistisches Meditationszentrum.

“Friedenswacht” special children’s home Triebel

The “Friedenswacht” children’s educational home opens in Triebel in 1951. Shortly afterwards, it is restructured into a special children’s home (1952/1953) with a capacity of 45 boys aged 6 to 14. The facility is eventually closed in 1968. In the following decades, the Ministry of State Security uses the building complex as a children’s holiday camp. Today, it houses a Buddhist meditation centre.

Jugendwerkhof „Schloss Voigtsberg“
Oelsnitz/ Vogtland

Nach dem Zweiten Weltkrieg dient Schloss Voigtsberg zunächst als Flüchtlingsunterkunft. 1952 richtet die DDR hier einen Jugendwerkhof ein. Er bietet Platz für 140 Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Ab 1957 ordnet man den Jugendwerkhof dem Typ C „Hilfsschüler“ zu. Die Jugendlichen besuchen eine heiminterne „Hilfsschule“, die nur ein eingeschränktes Bildungsniveau vorsieht. Außerdem erfolgen Arbeitseinsätze u. a. in der Rinderzucht Geilsdorf, der Baumwollspinnerei Lengenfeld und im Teppichwerk Oelsnitz. Ende 1961 wird der Jugendwerkhof aufgelöst: Die Jugendlichen werden entlassen oder in anderen Heimen untergebracht. Nachweislich kommen 40 Jugendliche vorübergehend in den Jugendwerkhof Antonsthal, bis das Spezialkinderheim Meerane fertiggestellt ist.

“Schloss Voigtsberg” juvenile workhouse, Oelsnitz/ Vogtland

After World War II, Schloss Voigtsberg is initially used to accommodate refugees. In 1952, a juvenile workhouse is established there. It provides space for 140 girls and boys aged 14 to 18. From 1957 onwards, it is assigned to the Type C category (“Hilfsschüler”). The youths attend the home’s internal special school (“Hilfsschule”), which teaches only to modest standards. In addition, labour assignments take place at locations including the Geilsdorf cattle farm, the Lengenfeld cotton mill and the Oelsnitz carpet factory. The juvenile workhouse is closed at the end of 1961. As a result, the youths are released or moved to other homes. There is evidence that 40 youths are temporarily accommodated at the Antonsthal juvenile workhouse until the completion of the Meerane special children’s home.

Zeitzeugen gesucht